Träumer-Lisa

18. Juni 2010

Die nachstehende Erzählung handelt von einem schüchternen, verträumten Mädchen, wie ich es selber einmal gewesen bin. Geschrieben habe ich sie bereits vor 10 Jahren und für die Veröffentlichung nochmals überarbeitet.

Lisa sah ihre Lehrerin entgeistert an. Gerade noch hatte sie dem Vogel draussen vor dem Fenster zugesehen, wie er seine Jungen fütterte. Doch das laute „Lisa!“ ihrer Lehrerin hatte sie schlagartig wieder ins Schulzimmer zurückgeholt. Hinter ihr wurde gekichert und geflüstert. Sie wusste auch genau, wie man sie nun wieder nennen würde: Träumer-Lisa.
„Lisa, ich warte!“ Frau Enderlis Stimme tönte gereizt. Als Lisa sie mit ihren blauen Augen erwartungsvoll ansah, seufzte sie resigniert: „Lisa, wann lernst du endlich, dass Träumen in die Freizeit gehört?“
Beschämt senkte Lisa ihren Blick.
„Ich wollte von dir wissen, was viermal fünf gibt.“
„Zwanzig“, flüsterte Lisa.
„Könntest du bitte in einem ganzen Satz antworten?“
„Viermal fünf gibt zwanzig.“
„Lisa, das hat man in der hintersten Reihe sicher nicht gehört. Sag’s noch mal.“
„Viermal fünf gibt zwanzig“, antwortete Lisa, etwas lauter.
Im gleichen Moment donnerte ein Düsenjäger über das Schulhaus und übertönte Lisas Antwort.
„Nochmals bitte. Das hat leider niemand verstanden.“
„Viermal fünf gibt zwanzig“, sagte Lisa mit lauter Stimme. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich wusste doch, dass du es kannst! Warum nicht gleich von Anfang an?“
Lisa zuckte mit ihren Schultern. Die Lehrerin würde ihre Angst ja doch nicht verstehen.
Auf dem Nachhauseweg riefen ein paar Knaben aus der Parallelklasse ihr ihren Spitznamen hinterher. Lisa tat, als ob sie es nicht hören würde, doch die Rufe erreichten das Ziel gleichwohl. Sie beschleunigte das Tempo, um ihren Peinigern zu entkommen.
Bei der grossen Kreuzung wurde sie von ihrer Klassenkameradin Sonja eingeholt. Lisa fürchtete sich vor dem Mädchen, da es nicht auf den Mund gefallen war und ständig mit den Buben herumtobte. Die beiden Mädchen wohnten im selben Quartier, und Lisas Mutter war der Meinung, dass die beiden miteinander befreundet waren. Ihrer Mutter die Wahrheit zu sagen, das getraute sich Lisa nicht. Sie wollte ihre Mutter nicht enttäuschen.
„Lisa, sag mal, in welchem Antiquariat kauft deine Mutter eigentlich immer deine altmodischen Kleider?“ fragte Sonja, als sie die Strasse überquerten. Sonja trug immer selbstbewusst die neueste Mode.
Lisa sah sie verständnislos an: „Ich trage keine altmodischen Kleider!“
Sonja lachte höhnisch: „Du willst doch nicht etwa behaupten, dass dein hellblauer Rock modisch ist! Solche Fahnen trägt ja nicht einmal meine Grossmutter.“
Lisa antwortete nichts darauf. Sie war so stolz auf ihren hellblauen Trägerrock mit den kleinen, dunkelblauen Blümchen. Ihre Mutter hatte ihn extra für sie genäht.
„He, träumst du wieder, Träumer-Lisa?!“ rief Sonja.
Lisa schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht glühte und die Augen brannten vor ungeweinten Tränen. Sie begann zu rennen, zuerst etwas unbeholfen, dann immer schneller. Erst im kühlen Gang ihres Wohnblocks hielt sie inne. Tränen rannen ihr übers Gesicht, als sie die Treppe in den zweiten Stock erklomm. Bald, bald, konnte sie sich bei ihrer Mutter ausweinen. Aber sie würde nichts vom Vorfall erzählen. Sie schämte sich.
Die Türe war verschlossen. Lisa drückte auf die Klingel. Vielleicht hatte die Mutter vergessen, dass sie heute früher nach Hause kommen würde. Doch noch während der schrille Ton der Klingel in der Wohnung hallte, fiel Lisa alles wieder ein. Niemand war da. Ihre Mutter traf sich heute mit einer ehemaligen Schulfreundin in der Stadt. Jonas, ihr kleiner Bruder, war bei seinem Kindergartenfreund Matthias. Und Anna hatte ihre Mutter mitgenommen.
„Du darfst nach der Schule zu Sonja gehen“, hatte die Mutter ihr gestern Abend noch gesagt. „Ich habe soeben mit ihrer Mutter telefoniert. Und am Nachmittag könnt Ihr ja miteinander spielen.“
Lisa liess sich der Türe nach langsam auf den Boden fallen, bis sie auf der stacheligen Matte sass, und vergrub ihr Gesicht in den Armen. Nein, zu Sonja würde sie sicher nicht gehen. Lieber wartete sie hier, bis ihre Mutter nach Hause kam. Leise fing sie an zu schluchzen. Sie fühlte sich so alleine und von allen verlassen.
Schwerfällige Schritte kamen die Treppe hinauf, kamen auf sie zu – und blieben vor ihr stehen. Lisa blieb regungslos sitzen. Unter ihren Armen hindurch sah sie ein Paar braune Halbschuhe. Sie kannte niemanden mit solchen Schuhen.
„Ist bei dir denn niemand zu Hause?“ fragte eine warme Stimme. Lisa bewegte sich nicht. Sie mochte jetzt nicht reden. Plötzlich fühlte sie eine Hand auf ihrem Haar. Sie sah auf, direkt ins freundliche Gesicht der alten Frau Berger. Diese wohnte einen Stock über ihnen, aber erst seit zwei Wochen. Vorgestern war sie bei ihnen zu Besuch gewesen.
„Es ist doch viel zu kalt am Boden. Komm, du kannst bei mir auf deine Mutter warten!“ Sie streckte Lisa ihre Hand hin. Lisa ergriff sie und stand auf. Erst jetzt merkte sie, wie steif sie durch das lange Sitzen am Boden geworden war. Mit gesenktem Blick trottete sie neben Frau Berger her, noch einen Stock höher, bis in die Wohnung.
In der Wohnung war es warm, und es roch nach Möbelpolitur und Veilchen. Frau Berger führte ihr Findelkind ins Wohnzimmer und hiess es auf dem Sofa Platz nehmen. Sie setzte sich neben es.
„Was wollen wir nun machen? Soll ich einen Zettel an eure Türe kleben, damit deine Mutter weiss, wo du bist?“
Lisa nickte unmerklich.
„Gut“, sagte Frau Berger zufrieden, „das werde ich gleich machen.“
Frau Berger blickte auf die Uhr, als sie wieder zurückkam. „Es ist bereits nach elf. Meinst du, deine Mutter ist bis zum Mittagessen zurück?“ Sie erschrak, als das Mädchen plötzlich zu schluchzen anfing. Hatte sie etwas falsches gesagt? Sachte legte sie ihren Arm um die kleinen Schultern und zog das Mädchen zu sich hin. Lisa drückte ihr Gesicht an die warme, weiche Brust von Frau Berger, weinte und schluchzte. Die alte Frau liess sie gewähren. Als sich das Mädchen allmählich beruhigt hatte, holte sie ein Stoffnastuch aus ihrer Rocktasche und trocknete Lisas Tränen.
„Vielleicht erzählst du mir, was dich so bedrückt“, sagte Frau Berger freundlich.
Lisa nickte, und fing mit leiser und stockender Stimme an zu erzählen. Von der Schule, wo man sie Träumer-Lisa schimpfte, weil sie mit ihren Gedanken häufig woanders war. Von Sonja, die sie so fürchtete und bei der sie heute hätte zu Mittag essen sollen. Und schlussendlich von ihrer Mutter, die heute in der Stadt war und nicht wusste, welche Sorgen ihre Älteste plagten. Frau Berger hörte gut zu. Nachdem Lisa ihre Erzählung beendet hatte, rief sie zuerst Sonjas Mutter an. Diese brauchte eine Weile, bis sie begriff, worum es eigentlich ging. Sie hatte schlichtweg vergessen, dass Lisa nach der Schule zu ihnen hätte kommen sollen. Frau Berger war verärgert über solche Verantwortungslosigkeit, aber sie liess sich Lisa gegenüber nichts anmerken.
„Was möchtest du gerne zum Mittagessen?“ wollte sie von ihren kleine Gast wissen. Als Lisa nur mit den Schultern zuckte, versuchte sie es ein weiteres Mal: „Magst du Teigwaren?“ Dieses Mal nickte Lisa, und Frau Berger glaubte, ein kurzes Aufleuchten in ihren Augen gesehen zu haben. „Komm mit mir in die Küche.“
Lisa genoss das Mittagessen. Es gab Makkaroni, die Lisa in der dunklen Bratensauce fast ertränkte. Und anstelle von Salat, den sie so sehr verabscheute, durfte sie an einer Karotte knabbern.
Nach dem Geschirrwaschen fragte Frau Berger, ob Lisa denn Hausaufgaben habe.
„Nein“, sagte Lisa und schüttelte den Kopf, „wir haben an einem freien Nachmittag nie Hausaufgaben.“
„Das finde ich sehr vernünftig von eurer Lehrerin“, meinte Frau Berger schmunzelnd. „Was möchtest du denn heute Nachmittag machen?“
Lisa zuckte mit den Schultern und sah sich im Wohnzimmer um. Ihr Blick blieb am Büchergestell hängen.
„Sie haben aber viele Bücher“, sagte sie staunend. Vertrauensvoll schob sie ihre kleine Hand in die grosse von Frau Berger. „Wissen Sie, was ich in der Schule am liebsten mag? Wenn Frau Enderli uns vorliest. Ich brauche dann nur meine Augen zu schliessen und bin mitten in der Geschichte drin.“ Lisas Augen leuchteten, als sie dies sagte.
Frau Berger holte ein Buch aus dem Gestell. „Kennst du das Theresli?“, fragte sie.
Lisa schüttelte den Kopf. „Nein. Lesen Sie mir daraus vor?“
Die beiden machten es sich auf dem Sofa bequem. Frau Berger öffnete das Buch und begann vorzulesen: „Die Geschichte fängt an in einem herrlichen, heimeligen, sonnigen Pfarrhausgarten. Das Haus mit der weissen Mauer und dem zugespitzten Giebeldach hatte alle seine grünen Augen zugeschlossen und schlief ruhig und gemütlich seinen Sonntag-Nachmittagschlaf…“ Schon bald war Lisa in die Welt vom Theresli eingetaucht, diesem phantasievollen und warmherzigen Mädchen, das etwa gleich alt wie sie selber war.
Die alte Pendule an der Wand tickte vor sich hin. Lisa hatte die Schuhe abgestreift und kuschelte sich mit angezogenen Knien an Frau Berger. Die alte Frau warf ab und zu einen Blick auf das Mädchen und lächelte leise.
Die Türklingel schreckte die beiden auf. Lisa blieb verwirrt auf dem Sofa sitzen, während Frau Berger zur Türe ging. Sie fühlte sich wie aus einem wunderschönen Traum zurückgeholt.
Durch den Gang tapsten kleine Füsschen und eine feine, lispelnde Stimme rief: „Lisa, Lisa!“
Die Gerufene kannte die piepsige Stimme nur zu gut und ging ihr entgegen. Anna, ihr pummeliges Schwesterchen, mit ihrem Plüschhasen im Arm, strahlte übers ganze Gesicht, als sie die grosse Schwester aus dem Wohnzimmer kommen sah und umarmte sie stürmisch.
Lisa schielte zur Wohnungstüre. Dort stand ihre Mutter und redete mit Frau Berger. Ihr war es recht mulmig zumute. Jetzt würde die Mutter sicher erfahren, dass sie gar nicht mit Sonja befreundet war. Was würde sie wohl sagen?
„Lisa, meine Grosse!“ Ihre Mutter kam auf sie zu, kniete vor ihr nieder und nahm sie fest in die Arme. Lisa schlang ihre Arme um Mutters Hals. Wie gut war es, sie so nahe zu spüren. Nach einer Weile fasste die Mutter ihr grosses Mädchen an den Schultern und sah ihr ernst in die Augen: „Lisa, es tut mir so leid! Ich verspreche dir, dass wir am nächsten Mittwochnachmittag etwas zusammen unternehmen, nur du und ich.“
Lisas Augen leuchteten auf. Leise, kaum hörbar, flüsterte sie in ihr Ohr: „Mama, ich hab dich ganz toll lieb!“
Ihre Mutter küsste sie auf die Wange: „Ich habe dich auch ganz toll lieb.“

Viel Lärm um Nichts

04. Juni 2010

Ein Tier aus Afrika ist heute in aller Munde: Das Zebra. Der Grund dafür ist aber nicht die in einer Woche beginnende Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika, sondern der gestern vorgestellte Sprachleitfaden der Stadt Bern. Dieser schreibt unter anderem den städtischen Angestellten vor, in amtlichen Texten „Zebrastreifen“ anstelle von „Fussgängerstreifen“ zu verwenden und trifft damit anscheinend des Volkes Nerv. In den Foren der Onlinezeitungen kommentieren Hunderte aufgeregt diese Weisung, obwohl die meisten von ihnen im alltäglichen Sprachgebrauch sicherlich selbstverständlich vom Zebrastreifen reden, und Zeitungen von Blick bis NZZ bereits heute schon den Zebra- zum Fussgängerstreifen synonym benutzen.

Viele Zeitgenossen meinen ja immer noch, geschlechtergerechtes Formulieren sei überflüssig. Schliesslich könne man den Hinweis anbringen, der Text beziehe sich sowohl auf Frauen wie auf Männer, aber aus Gründen der Lesbarkeit werde nur die männliche Form verwendet. Der Bund (und die Stadt Bern) gehen hier einen Schritt weiter und verwenden diese Generalklausel nicht mehr. Dafür setzen sie auf geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen.

Einen anderen Weg schlug 1993 die Stadt Wädenswil ein: Der Gemeinderat genehmigte eine Gemeindeordnung, die ausschliesslich weibliche Formulierungen enthielt. Doch der Schrei der Entrüstung war laut und weit über die Landesgrenzen hinaus hörbar. Frauen dürfen sich – nur schon wegen der Tradition – bei männlichen Formulierungen mitgemeint fühlen, aber Männer verlieren bei weiblichen Formulierungen völlig die Orientierung. Die Stimmberechtigten von Wädenswil machten dem mutigen Versuch mit generischem Femininum schliesslich den Garaus.

Die Orientierung verloren hat auch der Blick auf der Suche nach einer reisserischen Schlagzeile. Im Zusammenhang der Zebrastreifen-Diskussion wird suggeriert, in Bern werde im Namen der Gleichberechtigung endgültig Schindluder mit der deutschen Sprache getrieben.

Blick online 4.06.2010

Natürlich darf man den Eltern weiterhin Vater und Mutter sagen. Es gibt aber Situationen, in denen die Formulierung „Vater oder Mutter“ zu schwerfällig wirkt, und in diesem Fall greift „der Elternteil“.

„Das Elter“ hingegen wird man in amtlichen Verlautbarungen kaum je antreffen. Es handelt sich dabei um eine künstlich gebildete Einzahlform zum Pluraletantum „Eltern“ (ein Nomen, das ausschliesslich in der Mehrzahl gebräuchlich ist) und wird hauptsächlich in der Genetik verwendet. Nicht umsonst steht im Leitfaden des Bundes der Hinweis, dass dessen Verwendung „sehr selten“ ist.

Für eine gute Schlagzeile wird gerne die Unterschlagung einer Klammerbemerkung in Kauf genommen. Auch beim Zebra – seines Zeichens ein Neutrum, für geschlechterneutrale Formulierungen also wie geschaffen – wird erstmal verschweigen, dass die politisch korrekte Sprachregelung vom Bund kommt und beispielsweise in Winterthur schon lange angewendet wird.

Politisch korrekt ist sowieso nicht das Ding des Blicks. Und dessen Leser regen sich in der beginnenden Sauregurkenzeit lieber über „die da oben“ auf und merken gar nicht, dass die geschlechtergerechte Sprache mit oder ohne Zebrastreifen in Grundzügen schon längst in unserem Alltag angekommen ist.

Etikettenschwindel bei Jane Eyre

31. Mai 2010

Seit ich das Buch im Teenager-Alter das erste Mal gelesen habe, ist Jane Eyre mein erklärtes Lieblingsbuch. Während mich damals vor allem „die Requisiten der niedersten Romanliteratur“ (Mary Hottinger im Nachwort zur Manesse-Ausgabe von 1963) begeistert haben, gefällt mir heute die „künstlerische Vielschichtigkeit des Romans“, der „als Ganzes seine Komplexität aus dem fein austarierten Zusammenwirken der verschiedenen Lebensetappen und ihrer Orte [gewinnt]: Orte der Unterdrückung (Gateshead), des Hungers (Lowood), des Wahnsinns (Thornfield), der emotionalen Kälte (Marsh End) un des stillen Lebensglücks (Ferndean).“ (Elfie Bettinger in ihrem Nachwort zur Manesse-Ausgabe von 2001) Heute wie damals faszinieren mich die willensstarke, rebellische Hauptperson, die so gar nicht ins Bild der damaligen Zeit passte.

Vergangenen Sommer habe ich das englische Original wieder einmal zur Hand genommen und wollte, als ich bereits mitten in der Geschichte drin war, zwecks besseren Verständnisses einige Stellen in der deutschen Fassung in meinem Besitz (Manesse-Ausgabe 1963) nachlesen. Zu meinem grossen Erstaunen stellte ich fest, dass die betreffende Stelle (der ausführliche Bericht Mr. Rochester zu seiner Pariser „Affäre“ und Mutter seines Mündels Adèle, Céline Varens), von Paola Meister-Calvino nicht sinngemäss ins Deutsche übersetzt worden war, sondern paraphrasiert und gekürzt wurde.

Einige Zeit später erhielt ich die Erklärung. Ich war eines Nachmittags mit Adèle spazierengegangen und hatte dabei zufällig Mr. Rochester getroffen. Während Adèle mit Pilot spielte, erzählte er mir: „Sie ist die Tochter einer französischen Tänzerin, Cé.ine Varens, die ich brennend geliebt habe. Sie schien meine Liebe womöglich noch leidenschaftlicher zu erwidern, und es schmeichelte mir, dass diese zarte Pariserin mich trotz meiner Hässlichkeit allen anderen vorzog. Ich schenkte ihr ein Haus, hielt ihr Dienerschaft, kauft ihr Wagen, Kleider, Schmuck und Spitzen, kurz, ich war auf dem besten Weg, mich für sie zu ruinieren. Aber es erging mir wie allen blind verliebten Tölpeln. Eines Abends besuche ich sie unerwartet; sie war ausgegangen. Da ich müde war, ging ich in ihr Boudoir, öffnete die Türe zur Terrasse und trat hinaus. Die Mondnacht war still und klar. Ich setzte mich auf einen der Stühle und zündete mir eine Zigarre an. Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich jetzt auch eine rauchen.“

(Übersetzung von Paola Meister-Calvino, Manesse 1963)

 

Bei dieser Erzählweise ist nachvollziehbar, dass ein Vergleich mit so genannter „Trivialliteratur“ nahe liegt. Wie wenig diese Übersetzung jedoch dem Roman Charlotte Brontës gerecht wird, der 1847 noch unter ihrem nom de plume  Currer Bell erschien und sofort ein grosser Erfolg wurde, zeigt die nachstehende Übersetzung, die gut doppelt so lang ist und das Original treu wieder gibt:

Und Mr. Rochester hat es mir bei späterer Gelegenheit tatsächlich erklärt.

Eines Nachmittags begegnete er Adèle und mir zufällig im Park; während sie mit Pilot und ihrem Federball spielte, bat er mich, mit ihm in Sichtweite des Kindes in einer Buchenallee auf und ab zu spazieren.

Dann erzählte er mit, sie sei die Tochter einer französischen Operntänzerin namens Céline Varens, für die er einst eine grande passion gehabt habe. Diese Leidenschaft habe Céline angeblich noch glühender erwidert. Bei all seiner Hässlichkeit habe er sich für ihren Abgott gehalten und geglaubt, sie zöge seine taille d’athlète der Schönheit des Apoll von Belvedere vor.

„Und ich fühlte mich so geschmeichelt, Miss Eyre, weil die gallische Sylphe den britischen Gnom erwählt hatte, dass ich sie in einem hôtel unterbrachte und ihr einen vollständigen Haushalt einrichtete mit Bediensteten, einer Kutsche, Kaschmirschals, Diamanten, Spitzen und dergleichen mehr. Kurzum, ich betrieb meinen Ruin in allgemein anerkannter Weise wie jeder andere verliebte Narr. Mir fehlte anscheinend der Einfallsreichtum, mir eine neue Strasse in Schande und Untergang zu suchen, und so trabte ich dumm und treudoof den alten Weg entlang und wich keinen Zoll von der ausgetretenen Mitte ab. Ich erlitt – verdientermassen – das Schicksal aller anderen verliebten Narren. Eines Abends kam ich zufällig zu Besuch, als Céline mich nicht erwartete. Sie war ausgegangen. Die Nacht war warm, und müde von meinen Spaziergängen durch Paris setzte ich mich in ihr Boudoir und atmete beglückt die Luft, die sie noch vor kurzem durch ihre Anwesenheit geweiht hatte. Halt, ich übertreibe; etwas Weihevolles hatte ich an ihr nie gefunden. Es war wohl eher eine Art Räucherkerzenparfüm, ein Geruch nach Moschus und Amber, kein heiliger Wohlgeruch, was sie hinterlassen hatte. Die schweren Düfte der Gewächshausblumen und versprühten Essenzen nahmen mir allmählich den Atem, und ich verfiel darauf, die Balkontüre zu öffnen. Der Mond schien, die Gaslaternen brannten, und es war ganz still und heiter. Auf dem Balkon standen ein paar Stühle, ich setzte mich und nahm mir eine Zigarre – so wie jetzt, wenn Sie gestatten.“

(Übersetzung von Andrea Ott, Manesse 2001)

 

Beim Lesen dieser Version ist Mr. Rochester nicht länger der beherrschte Gentleman, der kurz und bündig, praktisch emotionslos, eine längst vergangene Episode aus seinem Leben berichtet. Nein, er zeigt nun Gefühle, lässt seinen analytischen Verstand aufblitzen und seine Fähigkeit zur poetischen Selbstbetrachtung.

Anscheinend war es recht lange üblich, nicht nur Weltliteratur für Kinder, sondern auch Weltliteratur für Erwachsene nach dem Gusto des Verlegers und der (angenommenen) Leserschaft zu adaptieren und zu verändern. Was zählte, war nicht die treue Wiedergabe in einer anderen Sprache, sondern die Nacherzählung auf jene Art und Weise, wie sie am besten verkauft werden konnte. Ob mit Werken, die von Männerhand geschrieben wurde, ebenso verfahren wurde? Ich wage dies zu bezweifeln.

Die Krux mit dem lieben Sie

31. Mai 2010

In der Schule haben wir gelernt, dass wir bei der förmlichen Anrede die Pronomen alle gross schreiben. Dazu wird die 3. Person Plural verwendet, die gleichzeitig gebraucht wird, um über Menschen oder Dinge zu sprechen, diesmal jedoch klein geschrieben.

Diese Unterscheidung fällt jedoch manchem nicht leicht. Bei Interviews in der geschriebenen Presse werden regelmässig „sie, die Mitmenschen“ und „Sie, die Person vor mir“ verwechselt. Notabene von bei Gratiszeitungen und etablierten Blättern tätigen Journalisten gleichermassen.

So wurde unser abgestürzter Held für Oslo nach dem Ausscheiden im Halbfinal von Blickonline gefragt:

Blick online 27. Mai 2010

Wie bereits erwähnt, wird im Deutschen die 3. Person Plural für die Höflichkeitsform verwendet. Doch dies ist nicht bei allen Sprachen der Fall. Im Französischen wird die 2. Person Plural verwendet, ebenso (und möglicherweise in Anlehnung daran) im Berndeutschen: „Herr Rossi, was nämmet Ihr?“

Im Italienischen hingegen wird auch die 3. Person verwendet, jedoch im Singular, und die Pronomen werden ebenfalls gross geschrieben: „Signor Rossi, Lei cosa prende?“ (Italienischlernende fragen an dieser Stelle oft „Cosa prende voi?“, selbst wenn nur eine Person angesprochen wird, weil sie die Regeln aus dem Französischunterricht so verinnerlicht haben, dass für sie nichts anderes in Frage kommt.)

In Sachen Gross- oder Kleinschreibung beim Personalpronomen der direkten Rede den Vogel abgeschossen hat Blick online diesen Frühling mit einem ungewollten Schuss Italianità:

Blick online 21. März 2010