Ein Tag im Jahr 2010

23. Juli 2011

Mir ist eben ein Aufsatzheft der 6. Klasse (Schuljahr 1985/86) in die Hände gekommen. Ein Thema war, sich das Leben im 21. Jahrhundert vorzustellen. Roboter und Computer kommen in meinem Aufsatz vor, auch Waldsterben und Erdölknappheit, aber Internet und Mobiltelefone waren anscheinend unvorstellbar… Hier das Resultat meiner Science-Fiction-Phantasie:

Es ist morgens um 8 Uhr, Sommer. Mein elektronischer Wecker lässt mich erwachen mit den Worten: „Es ist Morgen, aufstehen!“ Ich steige aus dem Bett, ziehe mich an und wecke meine beiden Töchter Anne-Käthi, 12 Jahre alt und Maria-Susann, 11 Jahre alt. Sonst macht das eigentlich der Kindermädchen-Roboter Elli 200, aber die Mädchen haben ihn kaputt gemacht. Diese Woche bin ich mit den Kindern alleine, denn mein Mann ist mit einer Forschertruppe auf dem Saturn. Nach dem Frühstück, bestehend aus vitaminreichen Flocken und Milch, setzen sich Anne-Käthi und Maria-Susann vor ihre Compiuter [sic!], auf dessen Bildschirmen die Schulstunden übertragen werden. Jetzt hupt es draussen, es wird wohl der Markt-Fritz sein. Ich gebe ihm die Einkaufslisten und er fährt mit seinem Oldtimer fort. Es ist der letzte Toyota-Bus in Europa. Um 11 Uhr lese ich die neuesten Nachrichten des Tages, die per Rohrpost in jede Wohnung geleitet werden: „Der Tanker, der das kostbare Rohöl, das jetzt noch wertvoller ist als Gold, in die Schweiz bringen sollte, ist in einem Strudel gesunken. – Die Bundesrätinnen haben beschlossen…“ Beim Mittagessen erzählen mir meine zwei Töchter, dass sie mit der Schule mit einem Jet nach Lappland fliegen wer den, um den letzten Naturwald zu besichtigen. Am Nachmittag schlafen wir volle 4 Stunden, denn es ist sehr heiss im Freien, über 30 Grad im Schatten. Nach dem Abendessen sitzen wir vor dem Fernseher und scuaen uns einen 3stündigen Wald-Krimi an, darin wird der ganze Wald vergiftet. Um 9 Uhr gehen wir müde ins Bett.

WENN ZWEI DAS GLEICHE…

04. Februar 2011

„Das ist doch krank!“, rief Sonja empört und zog die deformierte Schublade des Registerschrankes auf, „Guck mal, wie vermurkst das Schloss ist! Wer ist denn so verzweifelt, dass er in ein simples Sekretariat einbricht?“
„Vielleicht ein Drögeler“, tönte es vom hinteren Schreibtisch hervor, wo Karin überprüfte, ob alle ihre Schätze noch vorhanden waren. „Aber gründlich waren diese Einbrecher auf gar keinen Fall, sonst hätten sie unsere zweihundert Franken vom letzten Ausflug garantiert gefunden.“ Sie wedelte fröhlich mit zwei blauen Scheinen.
Sonja ging nicht darauf ein, sondern starrte immer noch den ramponierten Schrank an. „Die wollten Geld. Einfach Geld, und das schliessen wir natürlich in Stahl ein.“ Sie blickte im Büro umher. Alle Geräte standen unberührt da, alle Ordner waren an ihrem Platz, alle Schreibtische waren so aufgeräumt, wie sie sie am gestrigen Abend verlassen hatten. Kopfschüttelnd meinte sie: „Die müssen wirklich verzweifelt Cash für den nächsten Schuss gebraucht haben. Aber wir haben doch genügend Wertgegenstände, die man zu Geld machen könnte!“
„Eben“, entgegnete Karin ein bisschen ungehalten, „deshalb sage ich doch, es waren Drögeler und nicht die Ostmafia, wie die Polizei vermutet.“ Karin setzte sich an ihr Pult und startete den Computer. „Ich bleibe hier und warte auf den Schlüsselservice. Und dir wünsche ich einen schönen restlichen Samstagnachmittag“, fügte sie mit einem gewissen Nachdruck an und hoffte, damit der unschlüssig herumstehenden Sonja das nötige Zeichen zum Abmarsch gegeben zu haben.
Diese zog denn auch ab, aber nur widerwillig und nach zweimaliger Beteuerung, sie wäre genauso wie Karin in der Lage, darauf zu warten, bis der Schlosser die aufgebrochene Eingangstüre wieder instand gesetzt hatte.
Karin atmete erleichtert auf. Der Einbruch berührte sie wenig; im Gegenteil, sie war den Einbrechern fast dankbar für den Zwangsaufenthalt im Büro, denn nun konnte sie in aller Ruhe am Protokoll weiterarbeiten. Während der vergangenen Woche war es im Sekretariat so hektisch zu und her gegangen, dass sie kaum Zeit gefunden hatte, sich auf diese Arbeit zu konzentrieren.
Doch nun, in der Stille, grübelte sie nicht über die beste Umformulierung der stichwortartig aufgenommenen Voten in gut lesbares Deutsch, sondern dachte über Sonjas Entrüstung den verzweifelten, drogensüchtigen Einbrechern gegenüber nach.

Vor zwei Wochen waren sie zusammen in einem Computerkurs gewesen, der ohne Pause den ganzen Nachmittag gedauert hatte. Beim Verlassen des Kurslokals brummte Karin der Schädel, und so galt ihr erster Gang der Apotheke.
„Gehen wir zum Zug?“, wollte Sonja betont fröhlich wissen, als Karin mit einer Schachtel Kopfwehtabletten wieder auf sie traf. Karin war ganz überrascht, ihre jüngere Kollegin nicht rauchend vorzufinden. Sonst konnte sie ohne Zigarette kaum zwei Stunden am Stück arbeiten. Doch die Auflösung dieses Rätsels folgte auf dem Fuss. „Am Bahnhof gibt es sicher einen Kiosk. Ich habe nämlich kein Feuerzeug.“
Karin schluckte erst in aller Ruhe eine Tablette und fand Sonja vor dem Warenautomaten, der normalerweise gegen Bares Süssigkeiten, Zigaretten und Zubehör ausspuckte. Nun war Sonja mit fahrigen Handbewegungen dabei, Geldstücke in den Schlitz zu stecken, die jedoch ständig fröhlich klimpernd unten wieder herausfielen. Fluchend fischte sie das Kleingeld heraus, rieb die Münzen hastig an der Automatenwand und steckte sie erneut in den Schlitz. Erfolglos. Schliesslich klaubte sie fluchend alles Geld aus dem Münzfach und rauschte kommentarlos an Karin vorbei.
„He, wo willst du hin!? Unser Zug kommt!“
Von fern war das akustische Signal der sich schliessenden Bahnschranken hörbar, und schon näherte sich der orangefarbene Nahverkehrszug.
Erschrocken blieb Sonja stehen und drehte sich langsam um. In ihren Augen flackerte Panik. „Der verdammte Automat hat mein Geld gefressen, rückt aber das Feuerzeug nicht raus. Und ein Billett habe ich auch noch keines! Ich…ich muss erst… vielleicht wissen die da vorne im Bistro, was… Du kannst natürlich gehen, geh nur… ich…“ Sie hastete weiter und Karin sah ihr verdutzt nach. Nun, wo der Druck im Kopf allmählich nachliess, hatte sie es gar nicht mehr eilig, nach Hause zu kommen.
Nach einer Weile tauchte Sonja neben ihr auf. Geniesserisch zog sie an ihrer Zigarette und blies den Rauch anmutig in die Abendluft. „Es passiert anscheinend noch öfters, dass Gegenstände stecken bleiben“, grinste sie und wedelte mit einem Zettel. „Ich rufe morgen da an und hole mein Geld zurück. Und nun löse ich mein Billett. Tut mir leid, dass wir den Zug verpasst haben.“
Als der nächste Zug einfuhr und sie einstiegen, fragte Karin: „Hast du dein Billett?“ Sonja griff in die Jackentasche und schüttelte den Kopf. „Ich habe ganz vergessen es einzustecken. Macht nichts, dann fahre ich eben schwarz!“ Sie lachte übermütig und setzte sich ins nächste leere Abteil.

Das Telefon riss Karin aus ihren Gedanken. Der Mann des Schlüsselservices würde in fünf Minuten vor Ort sein.

Erstmals erschienen im Bulletin Oktober 2009 der Dolmetscher- & Übersetzervereinigung DÜV

Übersetzen ist eine Kunst

10. September 2010

Nicht jeder, der eine Fremdsprache beherrscht, kann auch übersetzen. Es will gelernt sein, wie jeder andere Beruf auch. Das zeigt die kurze Übersetzung der untenstehenden Karikatur.


(Bildquelle: Tagesanzeiger 10. September 2010)

Das Gute vorweg: Der Übersetzer hat den Text richtig übersetzt. Er hat allerdings keine Ahnung, um was es eigentlich geht. Das merkt man daran, dass er sicherheitshalber den Rest unverändert übernimmt. Das kann beim Übersetzen eine Strategie sein, geht aber meistens daneben. Auch hier. «Jesus weinte.» ist kein Kommentar, die ein gewisser John um 11.35 Uhr ins Internet gestellt hat, sondern es handelt sich – manche werden es bestimmt erraten haben – um ein Zitat aus der Bibel.
Ein professioneller Übersetzer weiss das. Entweder, weil er um ein breites Allgemeinwissen verfügt, oder weil er recherchiert hat. Er weiss auch, dass man in jeder Sprache die Bibel unterschiedlich zitiert und wird auf Deutsch die im deutschen Sprachraum gebräuchliche Zitierweise angeben:
«Jesus weinte.» Johannes 11,35

Erinnerung an Tian’anmen

02. August 2010

Im Jahr 1989, als es im Osten nach Glasnost und Perestroika roch und alles nach Reformen rief, demonstrierten auch in China Studenten für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie. Doch anders als die friedlichen Revolutionen in Europa griffen die chinesischen Machthaber zum Entsetzen der Weltöffentlichkeit knallhart durch.

In ihrem autobiografischen Bericht erzählt die Schriftstellerin Diane Wei Liang von dieser Zeit, die sie hautnah auf dem Campus der Peking-Universität erlebte. Selber war sie in der Nacht auf den 4. Juni 1989 nicht in der Innenstadt Pekings; Dong Yi, ihr bester Freund, erzählt ihr von seinen Erlebnissen:

Dong Yi hob die Hand und liess die Patronenhülse in meine Hand gleiten.
„Erzähl!“, forderte ich ihn leise auf.
Er berichtete, dass er gegen 22 Uhr bei der U-Bahn-Station Muxudi war. Einige hundert Menschen waren bereits dort, meist Anwohner und Studenten aus den Provinzen. Dann hörten sie die Panzer und Panzerwagen kommen, wie sie die Muxudi-Brücke überquerten, und bald sahen sie die Soldaten mit ihren Gewehren.
Die Menge hinter den Strassensperren begann Steine zu werfen. Sie wussten, dass es kaum in ihrer Macht stand, das Vorrücken der Armee zum Platz zu verhindern, doch vielleicht konnten sie dies verzögern.
Im Schutz ihrer Panzerwagen und Panzer griffen die Soldaten an und liessen Busse und andere Strassensperren beiseite schieben. Die Menge, die sich hinter den Büschen auf dem begrünten Mittelstreifen verschanzt hatte, schrie „Banditen!“. Einige warfen Pflastersteine.
Er hielt einen Moment inne, dann fuhr er fort: „Dann hörten wir Gewehrsalven. Zuerst duckten sich nur wenige, da keiner glaubte, dass sie echte Munition benutzen würden.“
Die Menge begann erst zu rennen, als einige in Blutlachen zu Boden sanken. Dong Yi war rund 200 Meter von den Soldaten entfernt. Als er die ersten fallen sah und jemand „echte Munition!“ brüllen hörte, begann auch er zu rennen. Kugeln pfiffen an ihm vorbei und schlugen neben ihm auf dem Boden ein, und dann hörte er ein Mädchen gellend aufschreien. Als er sich umdrehte, sah er sie zu Boden fallen. Ihre Freunde wollten zu ihr zurück, doch der Kugelhagel hielt an.
Dong Yi nahm mir die Patronenhülse weg und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Als er die Hülse drehte, spiegelte sie kalt das Licht.
Dort draussen, auf der Strasse, schrie und wand sich das Mädchen vor Schmerzen. Ihre Freunde, fünf an der Zahl, alles junge Männer, riefen und weinten, weil sie sie aus der Gefahrenzone rausholen wollten. Einer der Anwohner meinte, es wäre zu gefährlich, wenn alle gingen. Deshalb ging Dong Yi alleine, robbte über die Strasse. Bei ihr angelangt, hob er sie auf und rannte zurück. Kurz vor dem sicheren Ziel wurde auch er getroffen, aber glücklicherweise nicht ernsthaft verletzt. Doch dem Mädchen strömte Blut aus einer Wunde in der Magengegend. Während Dong Yi sie festhielt, versuchten ihre Freunde verzweifelt, die Blutung zu stoppen. Doch das Blut floss ohne Unterbruch. Ihre Freunde weinten und flehten sie an, bei ihnen zu bleiben. Doch alle wussten, dass sie sterben würde.
Die Stimme von Dong Yi stockte.
In ihrer Tasche fanden sie ihren Studentenausweis und etwas blutdurchtränktes Geld. Sie war Studentin an der Universität Hefei in der Provinz Anhui. Einen Tag zuvor war sie mit ihren Klassenkameraden mit dem Zug angereist. Sie war erst 19 Jahre alt.
Während Tränen über unsere Gesichter strömten, hielt ich die Hände von Dong Yi.
„Ich hob diese Patronenhülse auf, als ich Muxudi verliess. Ich werde sie behalten. Sie ist mein Zeuge.“

1989 war ich eine am Weltgeschehen interessierte 16-jährige Schülerin, und die Ereignisse in China verfolgte ich mit grossen Interesse. In Erinnerung geblieben ist mir insbesondere die Berichterstattung von Radio-Korrespondent Peter Achten, der mit bewegter Stimme vom brutalen Einschreiten der Armee berichtete. Das „Tiananmen-Massaker“, als das die Niederschlagung der Studentenproteste in die Geschichte eingegangen ist (obwohl auf dem Platz des Himmlischen Friedens selber kein Blutbad angerichtet wurde, wie diese Bezeichnung vermuten liesse), beschäftigte mich so sehr, dass ich meine Empörung in einem Text verarbeitete und diesen am 14. Juni 1989 in mein Tagebuch übertrug.

Ein Text über das Geschehen am 4. Juni ‘89
Einfach so
Sie haben sie niedergeschossen. Einfach so, weil sie für Demokratie und Freiheit gekämpft haben.
Da liegen sie nun auf dem Platz des himmlischen Friedens in ihrem Blut, welches rot ist wie der Kommunismus, gegen den sie demonstriert haben und der ihnen zum Verhängnis wurde. 85Jährige Männer, in wenigen Jahren tot, haben 20Jährige getötet, welche noch eine grosse Zukunft vor sich hatten. Diese alten Knacker töten tausende von jungen, friedlich demonstrierenden Menschen, damit sie an der Macht bleiben können.
Diese alte Garde übt noch den Kommunismus der Stalin-Ära aus. Hoffentlich werden die nachstossenden Machthaber menschlicher sein und die vielen toten Studenten rehabilitieren. Verdient hätten sie’s allemal. Sie und das unterdrückte Volk!

Wie viele Opfer die gewaltsame Beendigung der Studentenproteste forderte, wird wohl nie klar sein, da die chinesischen Behörden unabhängige Untersuchungen behinderten. Die Schätzungen schwanken je nach Quelle zwischen einigen Hundert und mehreren Tausend.
Den Studenten, die an den Protesten teilnahmen und in China blieben, litten unter Repressionen und fanden keine Arbeit. Viele von ihnen haben das Land verlassen.
China lässt weiterhin keine Debatte über die Studentenproteste und deren Niederschlagung zu. Regimekritiker werden nach wie vor verfolgt.

Angaben zum Buch:
Diane Wei Liang
Lake with no name – a true story of love and conflict in modern China (Übersetzung daraus von mir)
London: Review 2004

Träumer-Lisa

18. Juni 2010

Die nachstehende Erzählung handelt von einem schüchternen, verträumten Mädchen, wie ich es selber einmal gewesen bin. Geschrieben habe ich sie bereits vor 10 Jahren und für die Veröffentlichung nochmals überarbeitet.

Lisa sah ihre Lehrerin entgeistert an. Gerade noch hatte sie dem Vogel draussen vor dem Fenster zugesehen, wie er seine Jungen fütterte. Doch das laute „Lisa!“ ihrer Lehrerin hatte sie schlagartig wieder ins Schulzimmer zurückgeholt. Hinter ihr wurde gekichert und geflüstert. Sie wusste auch genau, wie man sie nun wieder nennen würde: Träumer-Lisa.
„Lisa, ich warte!“ Frau Enderlis Stimme tönte gereizt. Als Lisa sie mit ihren blauen Augen erwartungsvoll ansah, seufzte sie resigniert: „Lisa, wann lernst du endlich, dass Träumen in die Freizeit gehört?“
Beschämt senkte Lisa ihren Blick.
„Ich wollte von dir wissen, was viermal fünf gibt.“
„Zwanzig“, flüsterte Lisa.
„Könntest du bitte in einem ganzen Satz antworten?“
„Viermal fünf gibt zwanzig.“
„Lisa, das hat man in der hintersten Reihe sicher nicht gehört. Sag’s noch mal.“
„Viermal fünf gibt zwanzig“, antwortete Lisa, etwas lauter.
Im gleichen Moment donnerte ein Düsenjäger über das Schulhaus und übertönte Lisas Antwort.
„Nochmals bitte. Das hat leider niemand verstanden.“
„Viermal fünf gibt zwanzig“, sagte Lisa mit lauter Stimme. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich wusste doch, dass du es kannst! Warum nicht gleich von Anfang an?“
Lisa zuckte mit ihren Schultern. Die Lehrerin würde ihre Angst ja doch nicht verstehen.
Auf dem Nachhauseweg riefen ein paar Knaben aus der Parallelklasse ihr ihren Spitznamen hinterher. Lisa tat, als ob sie es nicht hören würde, doch die Rufe erreichten das Ziel gleichwohl. Sie beschleunigte das Tempo, um ihren Peinigern zu entkommen.
Bei der grossen Kreuzung wurde sie von ihrer Klassenkameradin Sonja eingeholt. Lisa fürchtete sich vor dem Mädchen, da es nicht auf den Mund gefallen war und ständig mit den Buben herumtobte. Die beiden Mädchen wohnten im selben Quartier, und Lisas Mutter war der Meinung, dass die beiden miteinander befreundet waren. Ihrer Mutter die Wahrheit zu sagen, das getraute sich Lisa nicht. Sie wollte ihre Mutter nicht enttäuschen.
„Lisa, sag mal, in welchem Antiquariat kauft deine Mutter eigentlich immer deine altmodischen Kleider?“ fragte Sonja, als sie die Strasse überquerten. Sonja trug immer selbstbewusst die neueste Mode.
Lisa sah sie verständnislos an: „Ich trage keine altmodischen Kleider!“
Sonja lachte höhnisch: „Du willst doch nicht etwa behaupten, dass dein hellblauer Rock modisch ist! Solche Fahnen trägt ja nicht einmal meine Grossmutter.“
Lisa antwortete nichts darauf. Sie war so stolz auf ihren hellblauen Trägerrock mit den kleinen, dunkelblauen Blümchen. Ihre Mutter hatte ihn extra für sie genäht.
„He, träumst du wieder, Träumer-Lisa?!“ rief Sonja.
Lisa schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht glühte und die Augen brannten vor ungeweinten Tränen. Sie begann zu rennen, zuerst etwas unbeholfen, dann immer schneller. Erst im kühlen Gang ihres Wohnblocks hielt sie inne. Tränen rannen ihr übers Gesicht, als sie die Treppe in den zweiten Stock erklomm. Bald, bald, konnte sie sich bei ihrer Mutter ausweinen. Aber sie würde nichts vom Vorfall erzählen. Sie schämte sich.
Die Türe war verschlossen. Lisa drückte auf die Klingel. Vielleicht hatte die Mutter vergessen, dass sie heute früher nach Hause kommen würde. Doch noch während der schrille Ton der Klingel in der Wohnung hallte, fiel Lisa alles wieder ein. Niemand war da. Ihre Mutter traf sich heute mit einer ehemaligen Schulfreundin in der Stadt. Jonas, ihr kleiner Bruder, war bei seinem Kindergartenfreund Matthias. Und Anna hatte ihre Mutter mitgenommen.
„Du darfst nach der Schule zu Sonja gehen“, hatte die Mutter ihr gestern Abend noch gesagt. „Ich habe soeben mit ihrer Mutter telefoniert. Und am Nachmittag könnt Ihr ja miteinander spielen.“
Lisa liess sich der Türe nach langsam auf den Boden fallen, bis sie auf der stacheligen Matte sass, und vergrub ihr Gesicht in den Armen. Nein, zu Sonja würde sie sicher nicht gehen. Lieber wartete sie hier, bis ihre Mutter nach Hause kam. Leise fing sie an zu schluchzen. Sie fühlte sich so alleine und von allen verlassen.
Schwerfällige Schritte kamen die Treppe hinauf, kamen auf sie zu – und blieben vor ihr stehen. Lisa blieb regungslos sitzen. Unter ihren Armen hindurch sah sie ein Paar braune Halbschuhe. Sie kannte niemanden mit solchen Schuhen.
„Ist bei dir denn niemand zu Hause?“ fragte eine warme Stimme. Lisa bewegte sich nicht. Sie mochte jetzt nicht reden. Plötzlich fühlte sie eine Hand auf ihrem Haar. Sie sah auf, direkt ins freundliche Gesicht der alten Frau Berger. Diese wohnte einen Stock über ihnen, aber erst seit zwei Wochen. Vorgestern war sie bei ihnen zu Besuch gewesen.
„Es ist doch viel zu kalt am Boden. Komm, du kannst bei mir auf deine Mutter warten!“ Sie streckte Lisa ihre Hand hin. Lisa ergriff sie und stand auf. Erst jetzt merkte sie, wie steif sie durch das lange Sitzen am Boden geworden war. Mit gesenktem Blick trottete sie neben Frau Berger her, noch einen Stock höher, bis in die Wohnung.
In der Wohnung war es warm, und es roch nach Möbelpolitur und Veilchen. Frau Berger führte ihr Findelkind ins Wohnzimmer und hiess es auf dem Sofa Platz nehmen. Sie setzte sich neben es.
„Was wollen wir nun machen? Soll ich einen Zettel an eure Türe kleben, damit deine Mutter weiss, wo du bist?“
Lisa nickte unmerklich.
„Gut“, sagte Frau Berger zufrieden, „das werde ich gleich machen.“
Frau Berger blickte auf die Uhr, als sie wieder zurückkam. „Es ist bereits nach elf. Meinst du, deine Mutter ist bis zum Mittagessen zurück?“ Sie erschrak, als das Mädchen plötzlich zu schluchzen anfing. Hatte sie etwas falsches gesagt? Sachte legte sie ihren Arm um die kleinen Schultern und zog das Mädchen zu sich hin. Lisa drückte ihr Gesicht an die warme, weiche Brust von Frau Berger, weinte und schluchzte. Die alte Frau liess sie gewähren. Als sich das Mädchen allmählich beruhigt hatte, holte sie ein Stoffnastuch aus ihrer Rocktasche und trocknete Lisas Tränen.
„Vielleicht erzählst du mir, was dich so bedrückt“, sagte Frau Berger freundlich.
Lisa nickte, und fing mit leiser und stockender Stimme an zu erzählen. Von der Schule, wo man sie Träumer-Lisa schimpfte, weil sie mit ihren Gedanken häufig woanders war. Von Sonja, die sie so fürchtete und bei der sie heute hätte zu Mittag essen sollen. Und schlussendlich von ihrer Mutter, die heute in der Stadt war und nicht wusste, welche Sorgen ihre Älteste plagten. Frau Berger hörte gut zu. Nachdem Lisa ihre Erzählung beendet hatte, rief sie zuerst Sonjas Mutter an. Diese brauchte eine Weile, bis sie begriff, worum es eigentlich ging. Sie hatte schlichtweg vergessen, dass Lisa nach der Schule zu ihnen hätte kommen sollen. Frau Berger war verärgert über solche Verantwortungslosigkeit, aber sie liess sich Lisa gegenüber nichts anmerken.
„Was möchtest du gerne zum Mittagessen?“ wollte sie von ihren kleine Gast wissen. Als Lisa nur mit den Schultern zuckte, versuchte sie es ein weiteres Mal: „Magst du Teigwaren?“ Dieses Mal nickte Lisa, und Frau Berger glaubte, ein kurzes Aufleuchten in ihren Augen gesehen zu haben. „Komm mit mir in die Küche.“
Lisa genoss das Mittagessen. Es gab Makkaroni, die Lisa in der dunklen Bratensauce fast ertränkte. Und anstelle von Salat, den sie so sehr verabscheute, durfte sie an einer Karotte knabbern.
Nach dem Geschirrwaschen fragte Frau Berger, ob Lisa denn Hausaufgaben habe.
„Nein“, sagte Lisa und schüttelte den Kopf, „wir haben an einem freien Nachmittag nie Hausaufgaben.“
„Das finde ich sehr vernünftig von eurer Lehrerin“, meinte Frau Berger schmunzelnd. „Was möchtest du denn heute Nachmittag machen?“
Lisa zuckte mit den Schultern und sah sich im Wohnzimmer um. Ihr Blick blieb am Büchergestell hängen.
„Sie haben aber viele Bücher“, sagte sie staunend. Vertrauensvoll schob sie ihre kleine Hand in die grosse von Frau Berger. „Wissen Sie, was ich in der Schule am liebsten mag? Wenn Frau Enderli uns vorliest. Ich brauche dann nur meine Augen zu schliessen und bin mitten in der Geschichte drin.“ Lisas Augen leuchteten, als sie dies sagte.
Frau Berger holte ein Buch aus dem Gestell. „Kennst du das Theresli?“, fragte sie.
Lisa schüttelte den Kopf. „Nein. Lesen Sie mir daraus vor?“
Die beiden machten es sich auf dem Sofa bequem. Frau Berger öffnete das Buch und begann vorzulesen: „Die Geschichte fängt an in einem herrlichen, heimeligen, sonnigen Pfarrhausgarten. Das Haus mit der weissen Mauer und dem zugespitzten Giebeldach hatte alle seine grünen Augen zugeschlossen und schlief ruhig und gemütlich seinen Sonntag-Nachmittagschlaf…“ Schon bald war Lisa in die Welt vom Theresli eingetaucht, diesem phantasievollen und warmherzigen Mädchen, das etwa gleich alt wie sie selber war.
Die alte Pendule an der Wand tickte vor sich hin. Lisa hatte die Schuhe abgestreift und kuschelte sich mit angezogenen Knien an Frau Berger. Die alte Frau warf ab und zu einen Blick auf das Mädchen und lächelte leise.
Die Türklingel schreckte die beiden auf. Lisa blieb verwirrt auf dem Sofa sitzen, während Frau Berger zur Türe ging. Sie fühlte sich wie aus einem wunderschönen Traum zurückgeholt.
Durch den Gang tapsten kleine Füsschen und eine feine, lispelnde Stimme rief: „Lisa, Lisa!“
Die Gerufene kannte die piepsige Stimme nur zu gut und ging ihr entgegen. Anna, ihr pummeliges Schwesterchen, mit ihrem Plüschhasen im Arm, strahlte übers ganze Gesicht, als sie die grosse Schwester aus dem Wohnzimmer kommen sah und umarmte sie stürmisch.
Lisa schielte zur Wohnungstüre. Dort stand ihre Mutter und redete mit Frau Berger. Ihr war es recht mulmig zumute. Jetzt würde die Mutter sicher erfahren, dass sie gar nicht mit Sonja befreundet war. Was würde sie wohl sagen?
„Lisa, meine Grosse!“ Ihre Mutter kam auf sie zu, kniete vor ihr nieder und nahm sie fest in die Arme. Lisa schlang ihre Arme um Mutters Hals. Wie gut war es, sie so nahe zu spüren. Nach einer Weile fasste die Mutter ihr grosses Mädchen an den Schultern und sah ihr ernst in die Augen: „Lisa, es tut mir so leid! Ich verspreche dir, dass wir am nächsten Mittwochnachmittag etwas zusammen unternehmen, nur du und ich.“
Lisas Augen leuchteten auf. Leise, kaum hörbar, flüsterte sie in ihr Ohr: „Mama, ich hab dich ganz toll lieb!“
Ihre Mutter küsste sie auf die Wange: „Ich habe dich auch ganz toll lieb.“

Viel Lärm um Nichts

04. Juni 2010

Ein Tier aus Afrika ist heute in aller Munde: Das Zebra. Der Grund dafür ist aber nicht die in einer Woche beginnende Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika, sondern der gestern vorgestellte Sprachleitfaden der Stadt Bern. Dieser schreibt unter anderem den städtischen Angestellten vor, in amtlichen Texten „Zebrastreifen“ anstelle von „Fussgängerstreifen“ zu verwenden und trifft damit anscheinend des Volkes Nerv. In den Foren der Onlinezeitungen kommentieren Hunderte aufgeregt diese Weisung, obwohl die meisten von ihnen im alltäglichen Sprachgebrauch sicherlich selbstverständlich vom Zebrastreifen reden, und Zeitungen von Blick bis NZZ bereits heute schon den Zebra- zum Fussgängerstreifen synonym benutzen.

Viele Zeitgenossen meinen ja immer noch, geschlechtergerechtes Formulieren sei überflüssig. Schliesslich könne man den Hinweis anbringen, der Text beziehe sich sowohl auf Frauen wie auf Männer, aber aus Gründen der Lesbarkeit werde nur die männliche Form verwendet. Der Bund (und die Stadt Bern) gehen hier einen Schritt weiter und verwenden diese Generalklausel nicht mehr. Dafür setzen sie auf geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen.

Einen anderen Weg schlug 1993 die Stadt Wädenswil ein: Der Gemeinderat genehmigte eine Gemeindeordnung, die ausschliesslich weibliche Formulierungen enthielt. Doch der Schrei der Entrüstung war laut und weit über die Landesgrenzen hinaus hörbar. Frauen dürfen sich – nur schon wegen der Tradition – bei männlichen Formulierungen mitgemeint fühlen, aber Männer verlieren bei weiblichen Formulierungen völlig die Orientierung. Die Stimmberechtigten von Wädenswil machten dem mutigen Versuch mit generischem Femininum schliesslich den Garaus.

Die Orientierung verloren hat auch der Blick auf der Suche nach einer reisserischen Schlagzeile. Im Zusammenhang der Zebrastreifen-Diskussion wird suggeriert, in Bern werde im Namen der Gleichberechtigung endgültig Schindluder mit der deutschen Sprache getrieben.

Blick online 4.06.2010

Natürlich darf man den Eltern weiterhin Vater und Mutter sagen. Es gibt aber Situationen, in denen die Formulierung „Vater oder Mutter“ zu schwerfällig wirkt, und in diesem Fall greift „der Elternteil“.

„Das Elter“ hingegen wird man in amtlichen Verlautbarungen kaum je antreffen. Es handelt sich dabei um eine künstlich gebildete Einzahlform zum Pluraletantum „Eltern“ (ein Nomen, das ausschliesslich in der Mehrzahl gebräuchlich ist) und wird hauptsächlich in der Genetik verwendet. Nicht umsonst steht im Leitfaden des Bundes der Hinweis, dass dessen Verwendung „sehr selten“ ist.

Für eine gute Schlagzeile wird gerne die Unterschlagung einer Klammerbemerkung in Kauf genommen. Auch beim Zebra – seines Zeichens ein Neutrum, für geschlechterneutrale Formulierungen also wie geschaffen – wird erstmal verschweigen, dass die politisch korrekte Sprachregelung vom Bund kommt und beispielsweise in Winterthur schon lange angewendet wird.

Politisch korrekt ist sowieso nicht das Ding des Blicks. Und dessen Leser regen sich in der beginnenden Sauregurkenzeit lieber über „die da oben“ auf und merken gar nicht, dass die geschlechtergerechte Sprache mit oder ohne Zebrastreifen in Grundzügen schon längst in unserem Alltag angekommen ist.

Etikettenschwindel bei Jane Eyre

31. Mai 2010

Seit ich das Buch im Teenager-Alter das erste Mal gelesen habe, ist Jane Eyre mein erklärtes Lieblingsbuch. Während mich damals vor allem „die Requisiten der niedersten Romanliteratur“ (Mary Hottinger im Nachwort zur Manesse-Ausgabe von 1963) begeistert haben, gefällt mir heute die „künstlerische Vielschichtigkeit des Romans“, der „als Ganzes seine Komplexität aus dem fein austarierten Zusammenwirken der verschiedenen Lebensetappen und ihrer Orte [gewinnt]: Orte der Unterdrückung (Gateshead), des Hungers (Lowood), des Wahnsinns (Thornfield), der emotionalen Kälte (Marsh End) un des stillen Lebensglücks (Ferndean).“ (Elfie Bettinger in ihrem Nachwort zur Manesse-Ausgabe von 2001) Heute wie damals faszinieren mich die willensstarke, rebellische Hauptperson, die so gar nicht ins Bild der damaligen Zeit passte.

Vergangenen Sommer habe ich das englische Original wieder einmal zur Hand genommen und wollte, als ich bereits mitten in der Geschichte drin war, zwecks besseren Verständnisses einige Stellen in der deutschen Fassung in meinem Besitz (Manesse-Ausgabe 1963) nachlesen. Zu meinem grossen Erstaunen stellte ich fest, dass die betreffende Stelle (der ausführliche Bericht Mr. Rochester zu seiner Pariser „Affäre“ und Mutter seines Mündels Adèle, Céline Varens), von Paola Meister-Calvino nicht sinngemäss ins Deutsche übersetzt worden war, sondern paraphrasiert und gekürzt wurde.

Einige Zeit später erhielt ich die Erklärung. Ich war eines Nachmittags mit Adèle spazierengegangen und hatte dabei zufällig Mr. Rochester getroffen. Während Adèle mit Pilot spielte, erzählte er mir: „Sie ist die Tochter einer französischen Tänzerin, Cé.ine Varens, die ich brennend geliebt habe. Sie schien meine Liebe womöglich noch leidenschaftlicher zu erwidern, und es schmeichelte mir, dass diese zarte Pariserin mich trotz meiner Hässlichkeit allen anderen vorzog. Ich schenkte ihr ein Haus, hielt ihr Dienerschaft, kauft ihr Wagen, Kleider, Schmuck und Spitzen, kurz, ich war auf dem besten Weg, mich für sie zu ruinieren. Aber es erging mir wie allen blind verliebten Tölpeln. Eines Abends besuche ich sie unerwartet; sie war ausgegangen. Da ich müde war, ging ich in ihr Boudoir, öffnete die Türe zur Terrasse und trat hinaus. Die Mondnacht war still und klar. Ich setzte mich auf einen der Stühle und zündete mir eine Zigarre an. Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich jetzt auch eine rauchen.“

(Übersetzung von Paola Meister-Calvino, Manesse 1963)

 

Bei dieser Erzählweise ist nachvollziehbar, dass ein Vergleich mit so genannter „Trivialliteratur“ nahe liegt. Wie wenig diese Übersetzung jedoch dem Roman Charlotte Brontës gerecht wird, der 1847 noch unter ihrem nom de plume  Currer Bell erschien und sofort ein grosser Erfolg wurde, zeigt die nachstehende Übersetzung, die gut doppelt so lang ist und das Original treu wieder gibt:

Und Mr. Rochester hat es mir bei späterer Gelegenheit tatsächlich erklärt.

Eines Nachmittags begegnete er Adèle und mir zufällig im Park; während sie mit Pilot und ihrem Federball spielte, bat er mich, mit ihm in Sichtweite des Kindes in einer Buchenallee auf und ab zu spazieren.

Dann erzählte er mit, sie sei die Tochter einer französischen Operntänzerin namens Céline Varens, für die er einst eine grande passion gehabt habe. Diese Leidenschaft habe Céline angeblich noch glühender erwidert. Bei all seiner Hässlichkeit habe er sich für ihren Abgott gehalten und geglaubt, sie zöge seine taille d’athlète der Schönheit des Apoll von Belvedere vor.

„Und ich fühlte mich so geschmeichelt, Miss Eyre, weil die gallische Sylphe den britischen Gnom erwählt hatte, dass ich sie in einem hôtel unterbrachte und ihr einen vollständigen Haushalt einrichtete mit Bediensteten, einer Kutsche, Kaschmirschals, Diamanten, Spitzen und dergleichen mehr. Kurzum, ich betrieb meinen Ruin in allgemein anerkannter Weise wie jeder andere verliebte Narr. Mir fehlte anscheinend der Einfallsreichtum, mir eine neue Strasse in Schande und Untergang zu suchen, und so trabte ich dumm und treudoof den alten Weg entlang und wich keinen Zoll von der ausgetretenen Mitte ab. Ich erlitt – verdientermassen – das Schicksal aller anderen verliebten Narren. Eines Abends kam ich zufällig zu Besuch, als Céline mich nicht erwartete. Sie war ausgegangen. Die Nacht war warm, und müde von meinen Spaziergängen durch Paris setzte ich mich in ihr Boudoir und atmete beglückt die Luft, die sie noch vor kurzem durch ihre Anwesenheit geweiht hatte. Halt, ich übertreibe; etwas Weihevolles hatte ich an ihr nie gefunden. Es war wohl eher eine Art Räucherkerzenparfüm, ein Geruch nach Moschus und Amber, kein heiliger Wohlgeruch, was sie hinterlassen hatte. Die schweren Düfte der Gewächshausblumen und versprühten Essenzen nahmen mir allmählich den Atem, und ich verfiel darauf, die Balkontüre zu öffnen. Der Mond schien, die Gaslaternen brannten, und es war ganz still und heiter. Auf dem Balkon standen ein paar Stühle, ich setzte mich und nahm mir eine Zigarre – so wie jetzt, wenn Sie gestatten.“

(Übersetzung von Andrea Ott, Manesse 2001)

 

Beim Lesen dieser Version ist Mr. Rochester nicht länger der beherrschte Gentleman, der kurz und bündig, praktisch emotionslos, eine längst vergangene Episode aus seinem Leben berichtet. Nein, er zeigt nun Gefühle, lässt seinen analytischen Verstand aufblitzen und seine Fähigkeit zur poetischen Selbstbetrachtung.

Anscheinend war es recht lange üblich, nicht nur Weltliteratur für Kinder, sondern auch Weltliteratur für Erwachsene nach dem Gusto des Verlegers und der (angenommenen) Leserschaft zu adaptieren und zu verändern. Was zählte, war nicht die treue Wiedergabe in einer anderen Sprache, sondern die Nacherzählung auf jene Art und Weise, wie sie am besten verkauft werden konnte. Ob mit Werken, die von Männerhand geschrieben wurde, ebenso verfahren wurde? Ich wage dies zu bezweifeln.

Die Krux mit dem lieben Sie

31. Mai 2010

In der Schule haben wir gelernt, dass wir bei der förmlichen Anrede die Pronomen alle gross schreiben. Dazu wird die 3. Person Plural verwendet, die gleichzeitig gebraucht wird, um über Menschen oder Dinge zu sprechen, diesmal jedoch klein geschrieben.

Diese Unterscheidung fällt jedoch manchem nicht leicht. Bei Interviews in der geschriebenen Presse werden regelmässig „sie, die Mitmenschen“ und „Sie, die Person vor mir“ verwechselt. Notabene von bei Gratiszeitungen und etablierten Blättern tätigen Journalisten gleichermassen.

So wurde unser abgestürzter Held für Oslo nach dem Ausscheiden im Halbfinal von Blickonline gefragt:

Blick online 27. Mai 2010

Wie bereits erwähnt, wird im Deutschen die 3. Person Plural für die Höflichkeitsform verwendet. Doch dies ist nicht bei allen Sprachen der Fall. Im Französischen wird die 2. Person Plural verwendet, ebenso (und möglicherweise in Anlehnung daran) im Berndeutschen: „Herr Rossi, was nämmet Ihr?“

Im Italienischen hingegen wird auch die 3. Person verwendet, jedoch im Singular, und die Pronomen werden ebenfalls gross geschrieben: „Signor Rossi, Lei cosa prende?“ (Italienischlernende fragen an dieser Stelle oft „Cosa prende voi?“, selbst wenn nur eine Person angesprochen wird, weil sie die Regeln aus dem Französischunterricht so verinnerlicht haben, dass für sie nichts anderes in Frage kommt.)

In Sachen Gross- oder Kleinschreibung beim Personalpronomen der direkten Rede den Vogel abgeschossen hat Blick online diesen Frühling mit einem ungewollten Schuss Italianità:

Blick online 21. März 2010