Die nachstehende Erzählung handelt von einem schüchternen, verträumten Mädchen, wie ich es selber einmal gewesen bin. Geschrieben habe ich sie bereits vor 10 Jahren und für die Veröffentlichung nochmals überarbeitet.
Lisa sah ihre Lehrerin entgeistert an. Gerade noch hatte sie dem Vogel draussen vor dem Fenster zugesehen, wie er seine Jungen fütterte. Doch das laute „Lisa!“ ihrer Lehrerin hatte sie schlagartig wieder ins Schulzimmer zurückgeholt. Hinter ihr wurde gekichert und geflüstert. Sie wusste auch genau, wie man sie nun wieder nennen würde: Träumer-Lisa.
„Lisa, ich warte!“ Frau Enderlis Stimme tönte gereizt. Als Lisa sie mit ihren blauen Augen erwartungsvoll ansah, seufzte sie resigniert: „Lisa, wann lernst du endlich, dass Träumen in die Freizeit gehört?“
Beschämt senkte Lisa ihren Blick.
„Ich wollte von dir wissen, was viermal fünf gibt.“
„Zwanzig“, flüsterte Lisa.
„Könntest du bitte in einem ganzen Satz antworten?“
„Viermal fünf gibt zwanzig.“
„Lisa, das hat man in der hintersten Reihe sicher nicht gehört. Sag’s noch mal.“
„Viermal fünf gibt zwanzig“, antwortete Lisa, etwas lauter.
Im gleichen Moment donnerte ein Düsenjäger über das Schulhaus und übertönte Lisas Antwort.
„Nochmals bitte. Das hat leider niemand verstanden.“
„Viermal fünf gibt zwanzig“, sagte Lisa mit lauter Stimme. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich wusste doch, dass du es kannst! Warum nicht gleich von Anfang an?“
Lisa zuckte mit ihren Schultern. Die Lehrerin würde ihre Angst ja doch nicht verstehen.
Auf dem Nachhauseweg riefen ein paar Knaben aus der Parallelklasse ihr ihren Spitznamen hinterher. Lisa tat, als ob sie es nicht hören würde, doch die Rufe erreichten das Ziel gleichwohl. Sie beschleunigte das Tempo, um ihren Peinigern zu entkommen.
Bei der grossen Kreuzung wurde sie von ihrer Klassenkameradin Sonja eingeholt. Lisa fürchtete sich vor dem Mädchen, da es nicht auf den Mund gefallen war und ständig mit den Buben herumtobte. Die beiden Mädchen wohnten im selben Quartier, und Lisas Mutter war der Meinung, dass die beiden miteinander befreundet waren. Ihrer Mutter die Wahrheit zu sagen, das getraute sich Lisa nicht. Sie wollte ihre Mutter nicht enttäuschen.
„Lisa, sag mal, in welchem Antiquariat kauft deine Mutter eigentlich immer deine altmodischen Kleider?“ fragte Sonja, als sie die Strasse überquerten. Sonja trug immer selbstbewusst die neueste Mode.
Lisa sah sie verständnislos an: „Ich trage keine altmodischen Kleider!“
Sonja lachte höhnisch: „Du willst doch nicht etwa behaupten, dass dein hellblauer Rock modisch ist! Solche Fahnen trägt ja nicht einmal meine Grossmutter.“
Lisa antwortete nichts darauf. Sie war so stolz auf ihren hellblauen Trägerrock mit den kleinen, dunkelblauen Blümchen. Ihre Mutter hatte ihn extra für sie genäht.
„He, träumst du wieder, Träumer-Lisa?!“ rief Sonja.
Lisa schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht glühte und die Augen brannten vor ungeweinten Tränen. Sie begann zu rennen, zuerst etwas unbeholfen, dann immer schneller. Erst im kühlen Gang ihres Wohnblocks hielt sie inne. Tränen rannen ihr übers Gesicht, als sie die Treppe in den zweiten Stock erklomm. Bald, bald, konnte sie sich bei ihrer Mutter ausweinen. Aber sie würde nichts vom Vorfall erzählen. Sie schämte sich.
Die Türe war verschlossen. Lisa drückte auf die Klingel. Vielleicht hatte die Mutter vergessen, dass sie heute früher nach Hause kommen würde. Doch noch während der schrille Ton der Klingel in der Wohnung hallte, fiel Lisa alles wieder ein. Niemand war da. Ihre Mutter traf sich heute mit einer ehemaligen Schulfreundin in der Stadt. Jonas, ihr kleiner Bruder, war bei seinem Kindergartenfreund Matthias. Und Anna hatte ihre Mutter mitgenommen.
„Du darfst nach der Schule zu Sonja gehen“, hatte die Mutter ihr gestern Abend noch gesagt. „Ich habe soeben mit ihrer Mutter telefoniert. Und am Nachmittag könnt Ihr ja miteinander spielen.“
Lisa liess sich der Türe nach langsam auf den Boden fallen, bis sie auf der stacheligen Matte sass, und vergrub ihr Gesicht in den Armen. Nein, zu Sonja würde sie sicher nicht gehen. Lieber wartete sie hier, bis ihre Mutter nach Hause kam. Leise fing sie an zu schluchzen. Sie fühlte sich so alleine und von allen verlassen.
Schwerfällige Schritte kamen die Treppe hinauf, kamen auf sie zu – und blieben vor ihr stehen. Lisa blieb regungslos sitzen. Unter ihren Armen hindurch sah sie ein Paar braune Halbschuhe. Sie kannte niemanden mit solchen Schuhen.
„Ist bei dir denn niemand zu Hause?“ fragte eine warme Stimme. Lisa bewegte sich nicht. Sie mochte jetzt nicht reden. Plötzlich fühlte sie eine Hand auf ihrem Haar. Sie sah auf, direkt ins freundliche Gesicht der alten Frau Berger. Diese wohnte einen Stock über ihnen, aber erst seit zwei Wochen. Vorgestern war sie bei ihnen zu Besuch gewesen.
„Es ist doch viel zu kalt am Boden. Komm, du kannst bei mir auf deine Mutter warten!“ Sie streckte Lisa ihre Hand hin. Lisa ergriff sie und stand auf. Erst jetzt merkte sie, wie steif sie durch das lange Sitzen am Boden geworden war. Mit gesenktem Blick trottete sie neben Frau Berger her, noch einen Stock höher, bis in die Wohnung.
In der Wohnung war es warm, und es roch nach Möbelpolitur und Veilchen. Frau Berger führte ihr Findelkind ins Wohnzimmer und hiess es auf dem Sofa Platz nehmen. Sie setzte sich neben es.
„Was wollen wir nun machen? Soll ich einen Zettel an eure Türe kleben, damit deine Mutter weiss, wo du bist?“
Lisa nickte unmerklich.
„Gut“, sagte Frau Berger zufrieden, „das werde ich gleich machen.“
Frau Berger blickte auf die Uhr, als sie wieder zurückkam. „Es ist bereits nach elf. Meinst du, deine Mutter ist bis zum Mittagessen zurück?“ Sie erschrak, als das Mädchen plötzlich zu schluchzen anfing. Hatte sie etwas falsches gesagt? Sachte legte sie ihren Arm um die kleinen Schultern und zog das Mädchen zu sich hin. Lisa drückte ihr Gesicht an die warme, weiche Brust von Frau Berger, weinte und schluchzte. Die alte Frau liess sie gewähren. Als sich das Mädchen allmählich beruhigt hatte, holte sie ein Stoffnastuch aus ihrer Rocktasche und trocknete Lisas Tränen.
„Vielleicht erzählst du mir, was dich so bedrückt“, sagte Frau Berger freundlich.
Lisa nickte, und fing mit leiser und stockender Stimme an zu erzählen. Von der Schule, wo man sie Träumer-Lisa schimpfte, weil sie mit ihren Gedanken häufig woanders war. Von Sonja, die sie so fürchtete und bei der sie heute hätte zu Mittag essen sollen. Und schlussendlich von ihrer Mutter, die heute in der Stadt war und nicht wusste, welche Sorgen ihre Älteste plagten. Frau Berger hörte gut zu. Nachdem Lisa ihre Erzählung beendet hatte, rief sie zuerst Sonjas Mutter an. Diese brauchte eine Weile, bis sie begriff, worum es eigentlich ging. Sie hatte schlichtweg vergessen, dass Lisa nach der Schule zu ihnen hätte kommen sollen. Frau Berger war verärgert über solche Verantwortungslosigkeit, aber sie liess sich Lisa gegenüber nichts anmerken.
„Was möchtest du gerne zum Mittagessen?“ wollte sie von ihren kleine Gast wissen. Als Lisa nur mit den Schultern zuckte, versuchte sie es ein weiteres Mal: „Magst du Teigwaren?“ Dieses Mal nickte Lisa, und Frau Berger glaubte, ein kurzes Aufleuchten in ihren Augen gesehen zu haben. „Komm mit mir in die Küche.“
Lisa genoss das Mittagessen. Es gab Makkaroni, die Lisa in der dunklen Bratensauce fast ertränkte. Und anstelle von Salat, den sie so sehr verabscheute, durfte sie an einer Karotte knabbern.
Nach dem Geschirrwaschen fragte Frau Berger, ob Lisa denn Hausaufgaben habe.
„Nein“, sagte Lisa und schüttelte den Kopf, „wir haben an einem freien Nachmittag nie Hausaufgaben.“
„Das finde ich sehr vernünftig von eurer Lehrerin“, meinte Frau Berger schmunzelnd. „Was möchtest du denn heute Nachmittag machen?“
Lisa zuckte mit den Schultern und sah sich im Wohnzimmer um. Ihr Blick blieb am Büchergestell hängen.
„Sie haben aber viele Bücher“, sagte sie staunend. Vertrauensvoll schob sie ihre kleine Hand in die grosse von Frau Berger. „Wissen Sie, was ich in der Schule am liebsten mag? Wenn Frau Enderli uns vorliest. Ich brauche dann nur meine Augen zu schliessen und bin mitten in der Geschichte drin.“ Lisas Augen leuchteten, als sie dies sagte.
Frau Berger holte ein Buch aus dem Gestell. „Kennst du das Theresli?“, fragte sie.
Lisa schüttelte den Kopf. „Nein. Lesen Sie mir daraus vor?“
Die beiden machten es sich auf dem Sofa bequem. Frau Berger öffnete das Buch und begann vorzulesen: „Die Geschichte fängt an in einem herrlichen, heimeligen, sonnigen Pfarrhausgarten. Das Haus mit der weissen Mauer und dem zugespitzten Giebeldach hatte alle seine grünen Augen zugeschlossen und schlief ruhig und gemütlich seinen Sonntag-Nachmittagschlaf…“ Schon bald war Lisa in die Welt vom Theresli eingetaucht, diesem phantasievollen und warmherzigen Mädchen, das etwa gleich alt wie sie selber war.
Die alte Pendule an der Wand tickte vor sich hin. Lisa hatte die Schuhe abgestreift und kuschelte sich mit angezogenen Knien an Frau Berger. Die alte Frau warf ab und zu einen Blick auf das Mädchen und lächelte leise.
Die Türklingel schreckte die beiden auf. Lisa blieb verwirrt auf dem Sofa sitzen, während Frau Berger zur Türe ging. Sie fühlte sich wie aus einem wunderschönen Traum zurückgeholt.
Durch den Gang tapsten kleine Füsschen und eine feine, lispelnde Stimme rief: „Lisa, Lisa!“
Die Gerufene kannte die piepsige Stimme nur zu gut und ging ihr entgegen. Anna, ihr pummeliges Schwesterchen, mit ihrem Plüschhasen im Arm, strahlte übers ganze Gesicht, als sie die grosse Schwester aus dem Wohnzimmer kommen sah und umarmte sie stürmisch.
Lisa schielte zur Wohnungstüre. Dort stand ihre Mutter und redete mit Frau Berger. Ihr war es recht mulmig zumute. Jetzt würde die Mutter sicher erfahren, dass sie gar nicht mit Sonja befreundet war. Was würde sie wohl sagen?
„Lisa, meine Grosse!“ Ihre Mutter kam auf sie zu, kniete vor ihr nieder und nahm sie fest in die Arme. Lisa schlang ihre Arme um Mutters Hals. Wie gut war es, sie so nahe zu spüren. Nach einer Weile fasste die Mutter ihr grosses Mädchen an den Schultern und sah ihr ernst in die Augen: „Lisa, es tut mir so leid! Ich verspreche dir, dass wir am nächsten Mittwochnachmittag etwas zusammen unternehmen, nur du und ich.“
Lisas Augen leuchteten auf. Leise, kaum hörbar, flüsterte sie in ihr Ohr: „Mama, ich hab dich ganz toll lieb!“
Ihre Mutter küsste sie auf die Wange: „Ich habe dich auch ganz toll lieb.“