Seit ich das Buch im Teenager-Alter das erste Mal gelesen habe, ist Jane Eyre mein erklärtes Lieblingsbuch. Während mich damals vor allem „die Requisiten der niedersten Romanliteratur“ (Mary Hottinger im Nachwort zur Manesse-Ausgabe von 1963) begeistert haben, gefällt mir heute die „künstlerische Vielschichtigkeit des Romans“, der „als Ganzes seine Komplexität aus dem fein austarierten Zusammenwirken der verschiedenen Lebensetappen und ihrer Orte [gewinnt]: Orte der Unterdrückung (Gateshead), des Hungers (Lowood), des Wahnsinns (Thornfield), der emotionalen Kälte (Marsh End) un des stillen Lebensglücks (Ferndean).“ (Elfie Bettinger in ihrem Nachwort zur Manesse-Ausgabe von 2001) Heute wie damals faszinieren mich die willensstarke, rebellische Hauptperson, die so gar nicht ins Bild der damaligen Zeit passte.
Vergangenen Sommer habe ich das englische Original wieder einmal zur Hand genommen und wollte, als ich bereits mitten in der Geschichte drin war, zwecks besseren Verständnisses einige Stellen in der deutschen Fassung in meinem Besitz (Manesse-Ausgabe 1963) nachlesen. Zu meinem grossen Erstaunen stellte ich fest, dass die betreffende Stelle (der ausführliche Bericht Mr. Rochester zu seiner Pariser „Affäre“ und Mutter seines Mündels Adèle, Céline Varens), von Paola Meister-Calvino nicht sinngemäss ins Deutsche übersetzt worden war, sondern paraphrasiert und gekürzt wurde.
Einige Zeit später erhielt ich die Erklärung. Ich war eines Nachmittags mit Adèle spazierengegangen und hatte dabei zufällig Mr. Rochester getroffen. Während Adèle mit Pilot spielte, erzählte er mir: „Sie ist die Tochter einer französischen Tänzerin, Cé.ine Varens, die ich brennend geliebt habe. Sie schien meine Liebe womöglich noch leidenschaftlicher zu erwidern, und es schmeichelte mir, dass diese zarte Pariserin mich trotz meiner Hässlichkeit allen anderen vorzog. Ich schenkte ihr ein Haus, hielt ihr Dienerschaft, kauft ihr Wagen, Kleider, Schmuck und Spitzen, kurz, ich war auf dem besten Weg, mich für sie zu ruinieren. Aber es erging mir wie allen blind verliebten Tölpeln. Eines Abends besuche ich sie unerwartet; sie war ausgegangen. Da ich müde war, ging ich in ihr Boudoir, öffnete die Türe zur Terrasse und trat hinaus. Die Mondnacht war still und klar. Ich setzte mich auf einen der Stühle und zündete mir eine Zigarre an. Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich jetzt auch eine rauchen.“
(Übersetzung von Paola Meister-Calvino, Manesse 1963)
Bei dieser Erzählweise ist nachvollziehbar, dass ein Vergleich mit so genannter „Trivialliteratur“ nahe liegt. Wie wenig diese Übersetzung jedoch dem Roman Charlotte Brontës gerecht wird, der 1847 noch unter ihrem nom de plume Currer Bell erschien und sofort ein grosser Erfolg wurde, zeigt die nachstehende Übersetzung, die gut doppelt so lang ist und das Original treu wieder gibt:
Und Mr. Rochester hat es mir bei späterer Gelegenheit tatsächlich erklärt.
Eines Nachmittags begegnete er Adèle und mir zufällig im Park; während sie mit Pilot und ihrem Federball spielte, bat er mich, mit ihm in Sichtweite des Kindes in einer Buchenallee auf und ab zu spazieren.
Dann erzählte er mit, sie sei die Tochter einer französischen Operntänzerin namens Céline Varens, für die er einst eine grande passion gehabt habe. Diese Leidenschaft habe Céline angeblich noch glühender erwidert. Bei all seiner Hässlichkeit habe er sich für ihren Abgott gehalten und geglaubt, sie zöge seine taille d’athlète der Schönheit des Apoll von Belvedere vor.
„Und ich fühlte mich so geschmeichelt, Miss Eyre, weil die gallische Sylphe den britischen Gnom erwählt hatte, dass ich sie in einem hôtel unterbrachte und ihr einen vollständigen Haushalt einrichtete mit Bediensteten, einer Kutsche, Kaschmirschals, Diamanten, Spitzen und dergleichen mehr. Kurzum, ich betrieb meinen Ruin in allgemein anerkannter Weise wie jeder andere verliebte Narr. Mir fehlte anscheinend der Einfallsreichtum, mir eine neue Strasse in Schande und Untergang zu suchen, und so trabte ich dumm und treudoof den alten Weg entlang und wich keinen Zoll von der ausgetretenen Mitte ab. Ich erlitt – verdientermassen – das Schicksal aller anderen verliebten Narren. Eines Abends kam ich zufällig zu Besuch, als Céline mich nicht erwartete. Sie war ausgegangen. Die Nacht war warm, und müde von meinen Spaziergängen durch Paris setzte ich mich in ihr Boudoir und atmete beglückt die Luft, die sie noch vor kurzem durch ihre Anwesenheit geweiht hatte. Halt, ich übertreibe; etwas Weihevolles hatte ich an ihr nie gefunden. Es war wohl eher eine Art Räucherkerzenparfüm, ein Geruch nach Moschus und Amber, kein heiliger Wohlgeruch, was sie hinterlassen hatte. Die schweren Düfte der Gewächshausblumen und versprühten Essenzen nahmen mir allmählich den Atem, und ich verfiel darauf, die Balkontüre zu öffnen. Der Mond schien, die Gaslaternen brannten, und es war ganz still und heiter. Auf dem Balkon standen ein paar Stühle, ich setzte mich und nahm mir eine Zigarre – so wie jetzt, wenn Sie gestatten.“
(Übersetzung von Andrea Ott, Manesse 2001)
Beim Lesen dieser Version ist Mr. Rochester nicht länger der beherrschte Gentleman, der kurz und bündig, praktisch emotionslos, eine längst vergangene Episode aus seinem Leben berichtet. Nein, er zeigt nun Gefühle, lässt seinen analytischen Verstand aufblitzen und seine Fähigkeit zur poetischen Selbstbetrachtung.
Anscheinend war es recht lange üblich, nicht nur Weltliteratur für Kinder, sondern auch Weltliteratur für Erwachsene nach dem Gusto des Verlegers und der (angenommenen) Leserschaft zu adaptieren und zu verändern. Was zählte, war nicht die treue Wiedergabe in einer anderen Sprache, sondern die Nacherzählung auf jene Art und Weise, wie sie am besten verkauft werden konnte. Ob mit Werken, die von Männerhand geschrieben wurde, ebenso verfahren wurde? Ich wage dies zu bezweifeln.