Im Jahr 1989, als es im Osten nach Glasnost und Perestroika roch und alles nach Reformen rief, demonstrierten auch in China Studenten für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie. Doch anders als die friedlichen Revolutionen in Europa griffen die chinesischen Machthaber zum Entsetzen der Weltöffentlichkeit knallhart durch.
In ihrem autobiografischen Bericht erzählt die Schriftstellerin Diane Wei Liang von dieser Zeit, die sie hautnah auf dem Campus der Peking-Universität erlebte. Selber war sie in der Nacht auf den 4. Juni 1989 nicht in der Innenstadt Pekings; Dong Yi, ihr bester Freund, erzählt ihr von seinen Erlebnissen:
Dong Yi hob die Hand und liess die Patronenhülse in meine Hand gleiten.
„Erzähl!“, forderte ich ihn leise auf.
Er berichtete, dass er gegen 22 Uhr bei der U-Bahn-Station Muxudi war. Einige hundert Menschen waren bereits dort, meist Anwohner und Studenten aus den Provinzen. Dann hörten sie die Panzer und Panzerwagen kommen, wie sie die Muxudi-Brücke überquerten, und bald sahen sie die Soldaten mit ihren Gewehren.
Die Menge hinter den Strassensperren begann Steine zu werfen. Sie wussten, dass es kaum in ihrer Macht stand, das Vorrücken der Armee zum Platz zu verhindern, doch vielleicht konnten sie dies verzögern.
Im Schutz ihrer Panzerwagen und Panzer griffen die Soldaten an und liessen Busse und andere Strassensperren beiseite schieben. Die Menge, die sich hinter den Büschen auf dem begrünten Mittelstreifen verschanzt hatte, schrie „Banditen!“. Einige warfen Pflastersteine.
Er hielt einen Moment inne, dann fuhr er fort: „Dann hörten wir Gewehrsalven. Zuerst duckten sich nur wenige, da keiner glaubte, dass sie echte Munition benutzen würden.“
Die Menge begann erst zu rennen, als einige in Blutlachen zu Boden sanken. Dong Yi war rund 200 Meter von den Soldaten entfernt. Als er die ersten fallen sah und jemand „echte Munition!“ brüllen hörte, begann auch er zu rennen. Kugeln pfiffen an ihm vorbei und schlugen neben ihm auf dem Boden ein, und dann hörte er ein Mädchen gellend aufschreien. Als er sich umdrehte, sah er sie zu Boden fallen. Ihre Freunde wollten zu ihr zurück, doch der Kugelhagel hielt an.
Dong Yi nahm mir die Patronenhülse weg und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Als er die Hülse drehte, spiegelte sie kalt das Licht.
Dort draussen, auf der Strasse, schrie und wand sich das Mädchen vor Schmerzen. Ihre Freunde, fünf an der Zahl, alles junge Männer, riefen und weinten, weil sie sie aus der Gefahrenzone rausholen wollten. Einer der Anwohner meinte, es wäre zu gefährlich, wenn alle gingen. Deshalb ging Dong Yi alleine, robbte über die Strasse. Bei ihr angelangt, hob er sie auf und rannte zurück. Kurz vor dem sicheren Ziel wurde auch er getroffen, aber glücklicherweise nicht ernsthaft verletzt. Doch dem Mädchen strömte Blut aus einer Wunde in der Magengegend. Während Dong Yi sie festhielt, versuchten ihre Freunde verzweifelt, die Blutung zu stoppen. Doch das Blut floss ohne Unterbruch. Ihre Freunde weinten und flehten sie an, bei ihnen zu bleiben. Doch alle wussten, dass sie sterben würde.
Die Stimme von Dong Yi stockte.
In ihrer Tasche fanden sie ihren Studentenausweis und etwas blutdurchtränktes Geld. Sie war Studentin an der Universität Hefei in der Provinz Anhui. Einen Tag zuvor war sie mit ihren Klassenkameraden mit dem Zug angereist. Sie war erst 19 Jahre alt.
Während Tränen über unsere Gesichter strömten, hielt ich die Hände von Dong Yi.
„Ich hob diese Patronenhülse auf, als ich Muxudi verliess. Ich werde sie behalten. Sie ist mein Zeuge.“
1989 war ich eine am Weltgeschehen interessierte 16-jährige Schülerin, und die Ereignisse in China verfolgte ich mit grossen Interesse. In Erinnerung geblieben ist mir insbesondere die Berichterstattung von Radio-Korrespondent Peter Achten, der mit bewegter Stimme vom brutalen Einschreiten der Armee berichtete. Das „Tiananmen-Massaker“, als das die Niederschlagung der Studentenproteste in die Geschichte eingegangen ist (obwohl auf dem Platz des Himmlischen Friedens selber kein Blutbad angerichtet wurde, wie diese Bezeichnung vermuten liesse), beschäftigte mich so sehr, dass ich meine Empörung in einem Text verarbeitete und diesen am 14. Juni 1989 in mein Tagebuch übertrug.
Ein Text über das Geschehen am 4. Juni ‘89
Einfach so
Sie haben sie niedergeschossen. Einfach so, weil sie für Demokratie und Freiheit gekämpft haben.
Da liegen sie nun auf dem Platz des himmlischen Friedens in ihrem Blut, welches rot ist wie der Kommunismus, gegen den sie demonstriert haben und der ihnen zum Verhängnis wurde. 85Jährige Männer, in wenigen Jahren tot, haben 20Jährige getötet, welche noch eine grosse Zukunft vor sich hatten. Diese alten Knacker töten tausende von jungen, friedlich demonstrierenden Menschen, damit sie an der Macht bleiben können.
Diese alte Garde übt noch den Kommunismus der Stalin-Ära aus. Hoffentlich werden die nachstossenden Machthaber menschlicher sein und die vielen toten Studenten rehabilitieren. Verdient hätten sie’s allemal. Sie und das unterdrückte Volk!
Wie viele Opfer die gewaltsame Beendigung der Studentenproteste forderte, wird wohl nie klar sein, da die chinesischen Behörden unabhängige Untersuchungen behinderten. Die Schätzungen schwanken je nach Quelle zwischen einigen Hundert und mehreren Tausend.
Den Studenten, die an den Protesten teilnahmen und in China blieben, litten unter Repressionen und fanden keine Arbeit. Viele von ihnen haben das Land verlassen.
China lässt weiterhin keine Debatte über die Studentenproteste und deren Niederschlagung zu. Regimekritiker werden nach wie vor verfolgt.
Angaben zum Buch:
Diane Wei Liang
Lake with no name – a true story of love and conflict in modern China (Übersetzung daraus von mir)
London: Review 2004