Mit ‘Medien’ getaggte Artikel

Viel Lärm um Nichts

Freitag, 04. Juni 2010

Ein Tier aus Afrika ist heute in aller Munde: Das Zebra. Der Grund dafür ist aber nicht die in einer Woche beginnende Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika, sondern der gestern vorgestellte Sprachleitfaden der Stadt Bern. Dieser schreibt unter anderem den städtischen Angestellten vor, in amtlichen Texten „Zebrastreifen“ anstelle von „Fussgängerstreifen“ zu verwenden und trifft damit anscheinend des Volkes Nerv. In den Foren der Onlinezeitungen kommentieren Hunderte aufgeregt diese Weisung, obwohl die meisten von ihnen im alltäglichen Sprachgebrauch sicherlich selbstverständlich vom Zebrastreifen reden, und Zeitungen von Blick bis NZZ bereits heute schon den Zebra- zum Fussgängerstreifen synonym benutzen.

Viele Zeitgenossen meinen ja immer noch, geschlechtergerechtes Formulieren sei überflüssig. Schliesslich könne man den Hinweis anbringen, der Text beziehe sich sowohl auf Frauen wie auf Männer, aber aus Gründen der Lesbarkeit werde nur die männliche Form verwendet. Der Bund (und die Stadt Bern) gehen hier einen Schritt weiter und verwenden diese Generalklausel nicht mehr. Dafür setzen sie auf geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen.

Einen anderen Weg schlug 1993 die Stadt Wädenswil ein: Der Gemeinderat genehmigte eine Gemeindeordnung, die ausschliesslich weibliche Formulierungen enthielt. Doch der Schrei der Entrüstung war laut und weit über die Landesgrenzen hinaus hörbar. Frauen dürfen sich – nur schon wegen der Tradition – bei männlichen Formulierungen mitgemeint fühlen, aber Männer verlieren bei weiblichen Formulierungen völlig die Orientierung. Die Stimmberechtigten von Wädenswil machten dem mutigen Versuch mit generischem Femininum schliesslich den Garaus.

Die Orientierung verloren hat auch der Blick auf der Suche nach einer reisserischen Schlagzeile. Im Zusammenhang der Zebrastreifen-Diskussion wird suggeriert, in Bern werde im Namen der Gleichberechtigung endgültig Schindluder mit der deutschen Sprache getrieben.

Blick online 4.06.2010

Natürlich darf man den Eltern weiterhin Vater und Mutter sagen. Es gibt aber Situationen, in denen die Formulierung „Vater oder Mutter“ zu schwerfällig wirkt, und in diesem Fall greift „der Elternteil“.

„Das Elter“ hingegen wird man in amtlichen Verlautbarungen kaum je antreffen. Es handelt sich dabei um eine künstlich gebildete Einzahlform zum Pluraletantum „Eltern“ (ein Nomen, das ausschliesslich in der Mehrzahl gebräuchlich ist) und wird hauptsächlich in der Genetik verwendet. Nicht umsonst steht im Leitfaden des Bundes der Hinweis, dass dessen Verwendung „sehr selten“ ist.

Für eine gute Schlagzeile wird gerne die Unterschlagung einer Klammerbemerkung in Kauf genommen. Auch beim Zebra – seines Zeichens ein Neutrum, für geschlechterneutrale Formulierungen also wie geschaffen – wird erstmal verschweigen, dass die politisch korrekte Sprachregelung vom Bund kommt und beispielsweise in Winterthur schon lange angewendet wird.

Politisch korrekt ist sowieso nicht das Ding des Blicks. Und dessen Leser regen sich in der beginnenden Sauregurkenzeit lieber über „die da oben“ auf und merken gar nicht, dass die geschlechtergerechte Sprache mit oder ohne Zebrastreifen in Grundzügen schon längst in unserem Alltag angekommen ist.

Die Krux mit dem lieben Sie

Montag, 31. Mai 2010

In der Schule haben wir gelernt, dass wir bei der förmlichen Anrede die Pronomen alle gross schreiben. Dazu wird die 3. Person Plural verwendet, die gleichzeitig gebraucht wird, um über Menschen oder Dinge zu sprechen, diesmal jedoch klein geschrieben.

Diese Unterscheidung fällt jedoch manchem nicht leicht. Bei Interviews in der geschriebenen Presse werden regelmässig „sie, die Mitmenschen“ und „Sie, die Person vor mir“ verwechselt. Notabene von bei Gratiszeitungen und etablierten Blättern tätigen Journalisten gleichermassen.

So wurde unser abgestürzter Held für Oslo nach dem Ausscheiden im Halbfinal von Blickonline gefragt:

Blick online 27. Mai 2010

Wie bereits erwähnt, wird im Deutschen die 3. Person Plural für die Höflichkeitsform verwendet. Doch dies ist nicht bei allen Sprachen der Fall. Im Französischen wird die 2. Person Plural verwendet, ebenso (und möglicherweise in Anlehnung daran) im Berndeutschen: „Herr Rossi, was nämmet Ihr?“

Im Italienischen hingegen wird auch die 3. Person verwendet, jedoch im Singular, und die Pronomen werden ebenfalls gross geschrieben: „Signor Rossi, Lei cosa prende?“ (Italienischlernende fragen an dieser Stelle oft „Cosa prende voi?“, selbst wenn nur eine Person angesprochen wird, weil sie die Regeln aus dem Französischunterricht so verinnerlicht haben, dass für sie nichts anderes in Frage kommt.)

In Sachen Gross- oder Kleinschreibung beim Personalpronomen der direkten Rede den Vogel abgeschossen hat Blick online diesen Frühling mit einem ungewollten Schuss Italianità:

Blick online 21. März 2010