Mit ‘Übersetzungen’ getaggte Artikel

Erinnerung an Tian’anmen

Montag, 02. August 2010

Im Jahr 1989, als es im Osten nach Glasnost und Perestroika roch und alles nach Reformen rief, demonstrierten auch in China Studenten für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie. Doch anders als die friedlichen Revolutionen in Europa griffen die chinesischen Machthaber zum Entsetzen der Weltöffentlichkeit knallhart durch.

In ihrem autobiografischen Bericht erzählt die Schriftstellerin Diane Wei Liang von dieser Zeit, die sie hautnah auf dem Campus der Peking-Universität erlebte. Selber war sie in der Nacht auf den 4. Juni 1989 nicht in der Innenstadt Pekings; Dong Yi, ihr bester Freund, erzählt ihr von seinen Erlebnissen:

Dong Yi hob die Hand und liess die Patronenhülse in meine Hand gleiten.
„Erzähl!“, forderte ich ihn leise auf.
Er berichtete, dass er gegen 22 Uhr bei der U-Bahn-Station Muxudi war. Einige hundert Menschen waren bereits dort, meist Anwohner und Studenten aus den Provinzen. Dann hörten sie die Panzer und Panzerwagen kommen, wie sie die Muxudi-Brücke überquerten, und bald sahen sie die Soldaten mit ihren Gewehren.
Die Menge hinter den Strassensperren begann Steine zu werfen. Sie wussten, dass es kaum in ihrer Macht stand, das Vorrücken der Armee zum Platz zu verhindern, doch vielleicht konnten sie dies verzögern.
Im Schutz ihrer Panzerwagen und Panzer griffen die Soldaten an und liessen Busse und andere Strassensperren beiseite schieben. Die Menge, die sich hinter den Büschen auf dem begrünten Mittelstreifen verschanzt hatte, schrie „Banditen!“. Einige warfen Pflastersteine.
Er hielt einen Moment inne, dann fuhr er fort: „Dann hörten wir Gewehrsalven. Zuerst duckten sich nur wenige, da keiner glaubte, dass sie echte Munition benutzen würden.“
Die Menge begann erst zu rennen, als einige in Blutlachen zu Boden sanken. Dong Yi war rund 200 Meter von den Soldaten entfernt. Als er die ersten fallen sah und jemand „echte Munition!“ brüllen hörte, begann auch er zu rennen. Kugeln pfiffen an ihm vorbei und schlugen neben ihm auf dem Boden ein, und dann hörte er ein Mädchen gellend aufschreien. Als er sich umdrehte, sah er sie zu Boden fallen. Ihre Freunde wollten zu ihr zurück, doch der Kugelhagel hielt an.
Dong Yi nahm mir die Patronenhülse weg und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Als er die Hülse drehte, spiegelte sie kalt das Licht.
Dort draussen, auf der Strasse, schrie und wand sich das Mädchen vor Schmerzen. Ihre Freunde, fünf an der Zahl, alles junge Männer, riefen und weinten, weil sie sie aus der Gefahrenzone rausholen wollten. Einer der Anwohner meinte, es wäre zu gefährlich, wenn alle gingen. Deshalb ging Dong Yi alleine, robbte über die Strasse. Bei ihr angelangt, hob er sie auf und rannte zurück. Kurz vor dem sicheren Ziel wurde auch er getroffen, aber glücklicherweise nicht ernsthaft verletzt. Doch dem Mädchen strömte Blut aus einer Wunde in der Magengegend. Während Dong Yi sie festhielt, versuchten ihre Freunde verzweifelt, die Blutung zu stoppen. Doch das Blut floss ohne Unterbruch. Ihre Freunde weinten und flehten sie an, bei ihnen zu bleiben. Doch alle wussten, dass sie sterben würde.
Die Stimme von Dong Yi stockte.
In ihrer Tasche fanden sie ihren Studentenausweis und etwas blutdurchtränktes Geld. Sie war Studentin an der Universität Hefei in der Provinz Anhui. Einen Tag zuvor war sie mit ihren Klassenkameraden mit dem Zug angereist. Sie war erst 19 Jahre alt.
Während Tränen über unsere Gesichter strömten, hielt ich die Hände von Dong Yi.
„Ich hob diese Patronenhülse auf, als ich Muxudi verliess. Ich werde sie behalten. Sie ist mein Zeuge.“

1989 war ich eine am Weltgeschehen interessierte 16-jährige Schülerin, und die Ereignisse in China verfolgte ich mit grossen Interesse. In Erinnerung geblieben ist mir insbesondere die Berichterstattung von Radio-Korrespondent Peter Achten, der mit bewegter Stimme vom brutalen Einschreiten der Armee berichtete. Das „Tiananmen-Massaker“, als das die Niederschlagung der Studentenproteste in die Geschichte eingegangen ist (obwohl auf dem Platz des Himmlischen Friedens selber kein Blutbad angerichtet wurde, wie diese Bezeichnung vermuten liesse), beschäftigte mich so sehr, dass ich meine Empörung in einem Text verarbeitete und diesen am 14. Juni 1989 in mein Tagebuch übertrug.

Ein Text über das Geschehen am 4. Juni ‘89
Einfach so
Sie haben sie niedergeschossen. Einfach so, weil sie für Demokratie und Freiheit gekämpft haben.
Da liegen sie nun auf dem Platz des himmlischen Friedens in ihrem Blut, welches rot ist wie der Kommunismus, gegen den sie demonstriert haben und der ihnen zum Verhängnis wurde. 85Jährige Männer, in wenigen Jahren tot, haben 20Jährige getötet, welche noch eine grosse Zukunft vor sich hatten. Diese alten Knacker töten tausende von jungen, friedlich demonstrierenden Menschen, damit sie an der Macht bleiben können.
Diese alte Garde übt noch den Kommunismus der Stalin-Ära aus. Hoffentlich werden die nachstossenden Machthaber menschlicher sein und die vielen toten Studenten rehabilitieren. Verdient hätten sie’s allemal. Sie und das unterdrückte Volk!

Wie viele Opfer die gewaltsame Beendigung der Studentenproteste forderte, wird wohl nie klar sein, da die chinesischen Behörden unabhängige Untersuchungen behinderten. Die Schätzungen schwanken je nach Quelle zwischen einigen Hundert und mehreren Tausend.
Den Studenten, die an den Protesten teilnahmen und in China blieben, litten unter Repressionen und fanden keine Arbeit. Viele von ihnen haben das Land verlassen.
China lässt weiterhin keine Debatte über die Studentenproteste und deren Niederschlagung zu. Regimekritiker werden nach wie vor verfolgt.

Angaben zum Buch:
Diane Wei Liang
Lake with no name – a true story of love and conflict in modern China (Übersetzung daraus von mir)
London: Review 2004

Etikettenschwindel bei Jane Eyre

Montag, 31. Mai 2010

Seit ich das Buch im Teenager-Alter das erste Mal gelesen habe, ist Jane Eyre mein erklärtes Lieblingsbuch. Während mich damals vor allem „die Requisiten der niedersten Romanliteratur“ (Mary Hottinger im Nachwort zur Manesse-Ausgabe von 1963) begeistert haben, gefällt mir heute die „künstlerische Vielschichtigkeit des Romans“, der „als Ganzes seine Komplexität aus dem fein austarierten Zusammenwirken der verschiedenen Lebensetappen und ihrer Orte [gewinnt]: Orte der Unterdrückung (Gateshead), des Hungers (Lowood), des Wahnsinns (Thornfield), der emotionalen Kälte (Marsh End) un des stillen Lebensglücks (Ferndean).“ (Elfie Bettinger in ihrem Nachwort zur Manesse-Ausgabe von 2001) Heute wie damals faszinieren mich die willensstarke, rebellische Hauptperson, die so gar nicht ins Bild der damaligen Zeit passte.

Vergangenen Sommer habe ich das englische Original wieder einmal zur Hand genommen und wollte, als ich bereits mitten in der Geschichte drin war, zwecks besseren Verständnisses einige Stellen in der deutschen Fassung in meinem Besitz (Manesse-Ausgabe 1963) nachlesen. Zu meinem grossen Erstaunen stellte ich fest, dass die betreffende Stelle (der ausführliche Bericht Mr. Rochester zu seiner Pariser „Affäre“ und Mutter seines Mündels Adèle, Céline Varens), von Paola Meister-Calvino nicht sinngemäss ins Deutsche übersetzt worden war, sondern paraphrasiert und gekürzt wurde.

Einige Zeit später erhielt ich die Erklärung. Ich war eines Nachmittags mit Adèle spazierengegangen und hatte dabei zufällig Mr. Rochester getroffen. Während Adèle mit Pilot spielte, erzählte er mir: „Sie ist die Tochter einer französischen Tänzerin, Cé.ine Varens, die ich brennend geliebt habe. Sie schien meine Liebe womöglich noch leidenschaftlicher zu erwidern, und es schmeichelte mir, dass diese zarte Pariserin mich trotz meiner Hässlichkeit allen anderen vorzog. Ich schenkte ihr ein Haus, hielt ihr Dienerschaft, kauft ihr Wagen, Kleider, Schmuck und Spitzen, kurz, ich war auf dem besten Weg, mich für sie zu ruinieren. Aber es erging mir wie allen blind verliebten Tölpeln. Eines Abends besuche ich sie unerwartet; sie war ausgegangen. Da ich müde war, ging ich in ihr Boudoir, öffnete die Türe zur Terrasse und trat hinaus. Die Mondnacht war still und klar. Ich setzte mich auf einen der Stühle und zündete mir eine Zigarre an. Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich jetzt auch eine rauchen.“

(Übersetzung von Paola Meister-Calvino, Manesse 1963)

 

Bei dieser Erzählweise ist nachvollziehbar, dass ein Vergleich mit so genannter „Trivialliteratur“ nahe liegt. Wie wenig diese Übersetzung jedoch dem Roman Charlotte Brontës gerecht wird, der 1847 noch unter ihrem nom de plume  Currer Bell erschien und sofort ein grosser Erfolg wurde, zeigt die nachstehende Übersetzung, die gut doppelt so lang ist und das Original treu wieder gibt:

Und Mr. Rochester hat es mir bei späterer Gelegenheit tatsächlich erklärt.

Eines Nachmittags begegnete er Adèle und mir zufällig im Park; während sie mit Pilot und ihrem Federball spielte, bat er mich, mit ihm in Sichtweite des Kindes in einer Buchenallee auf und ab zu spazieren.

Dann erzählte er mit, sie sei die Tochter einer französischen Operntänzerin namens Céline Varens, für die er einst eine grande passion gehabt habe. Diese Leidenschaft habe Céline angeblich noch glühender erwidert. Bei all seiner Hässlichkeit habe er sich für ihren Abgott gehalten und geglaubt, sie zöge seine taille d’athlète der Schönheit des Apoll von Belvedere vor.

„Und ich fühlte mich so geschmeichelt, Miss Eyre, weil die gallische Sylphe den britischen Gnom erwählt hatte, dass ich sie in einem hôtel unterbrachte und ihr einen vollständigen Haushalt einrichtete mit Bediensteten, einer Kutsche, Kaschmirschals, Diamanten, Spitzen und dergleichen mehr. Kurzum, ich betrieb meinen Ruin in allgemein anerkannter Weise wie jeder andere verliebte Narr. Mir fehlte anscheinend der Einfallsreichtum, mir eine neue Strasse in Schande und Untergang zu suchen, und so trabte ich dumm und treudoof den alten Weg entlang und wich keinen Zoll von der ausgetretenen Mitte ab. Ich erlitt – verdientermassen – das Schicksal aller anderen verliebten Narren. Eines Abends kam ich zufällig zu Besuch, als Céline mich nicht erwartete. Sie war ausgegangen. Die Nacht war warm, und müde von meinen Spaziergängen durch Paris setzte ich mich in ihr Boudoir und atmete beglückt die Luft, die sie noch vor kurzem durch ihre Anwesenheit geweiht hatte. Halt, ich übertreibe; etwas Weihevolles hatte ich an ihr nie gefunden. Es war wohl eher eine Art Räucherkerzenparfüm, ein Geruch nach Moschus und Amber, kein heiliger Wohlgeruch, was sie hinterlassen hatte. Die schweren Düfte der Gewächshausblumen und versprühten Essenzen nahmen mir allmählich den Atem, und ich verfiel darauf, die Balkontüre zu öffnen. Der Mond schien, die Gaslaternen brannten, und es war ganz still und heiter. Auf dem Balkon standen ein paar Stühle, ich setzte mich und nahm mir eine Zigarre – so wie jetzt, wenn Sie gestatten.“

(Übersetzung von Andrea Ott, Manesse 2001)

 

Beim Lesen dieser Version ist Mr. Rochester nicht länger der beherrschte Gentleman, der kurz und bündig, praktisch emotionslos, eine längst vergangene Episode aus seinem Leben berichtet. Nein, er zeigt nun Gefühle, lässt seinen analytischen Verstand aufblitzen und seine Fähigkeit zur poetischen Selbstbetrachtung.

Anscheinend war es recht lange üblich, nicht nur Weltliteratur für Kinder, sondern auch Weltliteratur für Erwachsene nach dem Gusto des Verlegers und der (angenommenen) Leserschaft zu adaptieren und zu verändern. Was zählte, war nicht die treue Wiedergabe in einer anderen Sprache, sondern die Nacherzählung auf jene Art und Weise, wie sie am besten verkauft werden konnte. Ob mit Werken, die von Männerhand geschrieben wurde, ebenso verfahren wurde? Ich wage dies zu bezweifeln.